In den Verwaltungszentralen der großen Stahlkonzerne ist das Stimmungsbarometer kräftig gestiegen, es zeigt fast schon wieder auf Schönwetter ... Nahezu in allen Hüttenwerken an Rhein und Ruhr werden in diesem Jahre mit großer Wahrscheinlichkeit die bisherigen Rekorde eingestellt. Mit welcher Vehemenz das Stahlgeschäft sich belebt hat, darüber ist man im Revier selbst überrascht, das hat niemand vorausgesehen.

Die Produktionsanlagen laufen auf Hochtouren; praktisch ist die Vollbeschäftigung erreicht, und die Sorgen dieser Industrie, ob sie sich mit den umfangreichen Kapazitätserweiterungen der letzten Jahre nicht doch ein zu großes Kleid geschneidert habe, sind nun doch sehr schnell gegenstandslos geworden. Die Stahlproduktion 1964 verspricht in der Tat ein guter Jahrgang zu werden. Im ersten Halbjahr sind in den westdeutschen Werken 18 Millionen Tonnen Rohstahl erschmolzen worden, Vorausschätzungen fürs ganze Jahr liegen – bei allem Vorbehalt für undenkbare Entwicklungen – nur knapp unter 36 Millionen Tonnen. Damit wird dann selbst das Superjahr der deutschen Stahlindustrie, das Jahr 1960, mit Längen überrundet werden.

Zwar ist der Boom noch zu jung – und die Zeit der Flaute war zu lang und zu schwierig –, als daß jetzt schon sichere Prognosen über den weiteren Verlauf der Produktionskurve im Revier gegeben würden. Aber die gut gefüllten Auftragsbücher der Hüttenwerke sind immerhin mehr als nur eine Hoffnung. Auf über 2 Millionen Tonnen Walzwerkfertigerzeugnisse sind die monatlichen Auftragseingänge in der eisenschaffenden Industrie angestiegen; sie liegen um mehr als 22 Prozent über den Neubestellungen, die in 1960, das schließlich in den Annalen der Stahlkonzerne einen Goldrand erhalten hat, verbucht werden konnten. Sie liegen außerdem ganz erheblich über den Auslieferungen der Werke, die auf 1,76 Millionen Tonnen indessen ebenfalls angestiegen sind und um 6,2 Prozent über der Durchschnittszahl des Jahres 1960 liegen. Noch wächst also das Auftragsvolumen der Hüttenwerke an, das sich Ende Mai auf 5,2 Millionen Tonnen Fertigprodukte belief.

Das bedeutet indessen auch, daß es in der deutschen Stahlindustrie wieder Lieferfristen gibt, und daran hat seit Jahren kein Walzwerkproduzent mehr denken können. Jetzt muß ein Abnehmer wieder durchschnittlich drei bis vier Monate warten, bis er seine Walzstahlkäufe realisieren kann; wenn er Flachstahlprodukte wünscht, sogar vier bis fünf Monate. Daß lange Lieferfristen allerdings auch ungünstige Auswirkungen für die Werke haben können, wird im Revier nicht verkannt. Die Gefahr, daß Vorratskäufe die künftige Entwicklung belasten, ist immer drin; aber es seien keine Anzeichen dafür vorhanden, daß diese Industrie in einen neuen Lagerzyklus hineinschlittert, heißt es an der Ruhr. Zuversichtlich glaubt man, daß mit der rasant gestiegenen Nachfrage lediglich die echten Marktbedürfnisse gedeckt werden. Dann dürfte in diesem Jahr auch eine stolze Zuwachsrate im Stahlverbrauch zu erwarten sein, denn bemerkenswerterweise sind die Walzstahlimporte mitgewachsen. Der Juni hat mit 377 000 Tonnen sogar die höchste Importzahl gebracht, die es auf dem deutschen Stahlmarkt je gegeben hat. Der Durchschnitt des ersten Halbjahrs 1964 lag bei 304 000 Tonnen, das entspricht einem Marktanteil von 18,5 Prozent. Aber sich über zu hohe Einfuhren zu beklagen, das steht einer vollbeschäftigten Industrie nicht an.

Schönwetter also beim Stahl? Bis hierher durchaus, aber Fußangeln hat der Stahlmarkt trotzdem. Die Erlöse machen den Höhenflug der Absatzmengen nicht mit, und die Kasse stimmt dementsprechend noch längst nicht. Noch immer müsse man "in mühsamen Kundengesprächen" über die zu erzielenden Erlöse verhandeln, stöhnt man in den Kontoren der Hüttenwerke, und es heißt, daß es heute noch kein Walzstahlerzeugnis gäbe, für das die – seit 1957 unveränderten – Listenpreise hundertprozentig erzielt werden können.

Die Frage, ob das je wieder der Fall sein wird, gehört zwar zu den offiziellen Tabus der deutschen Stahlindustrie. Sie wird aber doch schon mancherorts im Revier gestellt und gelegentlich auch ganz offen verneint, ohne daß es jedoch für opportun gehalten wird, Konsequenzen in dieser Einsicht zu ziehen. Der gegenwärtige Stahlboom bringt bisher nie erreichte Produktions- und Absatzziffern; er vermittelt allerdings auch die ebenfalls neue Erfahrung, daß der äußerst lebhafte Wettbewerb beim Stahl auch in absoluten Hausse-Zeiten anhält. Das ist für den Verbraucher eine Freude, und sollte zum Nachdenken Anlaß geben bei den Produzenten.

Ingrid Neumann