Von Martin Beheim-Schwarzbach

Dem Romancier Martin Beheim-Schwarzbach wurde der in diesem Jahr zum erstenmal verliehene, mit 10 000 Mark dotierte Alexander-Zinn-Preis für Literatur zugesprochen. Wir drucken hier ein (bisher ungedrucktes) Kapitel aus der erweiterten Auflage seines Schelmenromans "Die diebischen Freuden des Herrn von Bißwange", der demnächst im dtv erscheinen wird.

Wen hätte es erstaunen können, wenn ein Mann von dem Format Adalberts von Bißwanges seine Hand auch nach der hohen Politik ausgestreckt hätte? Sich um einen Abgeordnetenposten beworben und in den Gang der großen Ereignisse eingegriffen hätte, um Bedeutendes zu wirken, das zu wirken ihm in seinem bescheidenen Bereich nicht vergönnt war? Doch wer da meinte, er hätte diesen Weg beschreiten sollen und können, der irrt; er machte es auf andere Weise.

Sind Abgeordnete, Staatssekretäre, Minister Beamte? Sie sind es, aber sie sind es formal nicht, sonst hätte das Kommende, das wir leider nicht ohne Mißbilligung berichten, im vorigen Kapitel seinen Platz bekommen. Aber es ist eine ausgefallene Sache, die einen Abschnitt für sich beansprucht. Es findet hier ein Beispiel, ein weiteres, dafür statt, daß er auch selbstlos zu handeln liebte, im vorliegenden Falle nur leider zum Schaden der Demokratie, was er gewiß nicht genügend bedachte, sondern der Entwurf riß ihn mit.

Nun ist verschiedentlich behauptet worden, das, um was es sich hier handelt, sei apokryph, ihm nur in die Schuhe geschoben, er hätte es gar nicht getan. Diese Version hat sich lange Zeit am Leben gehalten, ist aber neuerdings beweiskräftig widerlegt worden, wir werden am Schluß sagen, wodurch. Aber auch ohne das letztliche Indiz hat die Episode, die in vielen in- und sogar ausländischen Gazetten die Runde machte, Kenner der Bißwangeschen Technik davon überzeugt, daß es sich nur um ihn handeln konnte. Ein starkes Mißtrauen gegen die Parlamentarier gehörte nämlich zu den wenn auch nicht liebenswerten, so doch menschlich verständlichen Wesenszügen unseres Helden. Aus dem Urgrund nicht nur seiner ästhetisch orientierten Geistigkeit, sondern vor allem seiner festen moralischen Integrität war er von eingefleischtem Mißtrauen gegen die allzu gewandte Redseligkeit der meisten dieser Leute erfüllt, die ihm, Schaumschlägerei die sie war, auf die Nerven fiel, sowie auch gegen die parteiamtlich festgelegten sturen Schablonen ihrer angeblichen Überzeugungen... Wir wollen davon nicht weiter reden, diese Chronik stellt ja keine politische Abhandlung dar; kurz, er mochte die Parlamentarier nicht, und die zu Ämtern und Würden Gelangten unter ihnen am wenigsten.

Einen nun dieser Spezies, der häufig im Redehaus zu aktuellen Fragen das Wort ergriff, nahm Adalbert sich besonders aufs Korn. Der Mann hatte sich dadurch einen Namen gemacht, daß er eine hochnotpeinliche parlamentarische Angelegenheit mit selbstlosem Eifer behandelte: Er trat leidenschaftlich für die Erhöhung der Abgeordneten-Diäten ein. Es lag auf der Hand, daß trotz aller Schamlosigkeit, die nun einmal im Charakter eines rechten Volksvertreters steckt, bei diesen doch gewisse Hemmungen walteten, sich durch legislativen Beschluß in eigener Sache Vorteile zuzuschanzen. Diesen Hemmungen nun wirkte der fragliche Abgeordnete, dessen Namen wir aber nicht nennen wollen, durch seine hurtige Rhetorik entgegen und bewies, daß die Demokratie gar nicht besser gedeihen könnte als dadurch, daß ihre Vertreter an dem Wohlstand, den sie zu schaffen halfen, auch selber teilnahmen – und dies in nicht allzu bescheidenem Maße – statt lumpige Volkswagen zu fahren und einen Kühlschrank minderer Güte zu Hause stehen zu haben. Schon ihre Gattinnen würden ihnen dann daheim ein so bedrückendes Klima bereiten, daß es mit der Qualität ihrer politischen Arbeit trübe bestellt sei.

Entscheidend für Adalberts Pläne war der bekannte Umstand, daß der Verfechter dieser Diäten-Theorie, seitdem er beamtet worden, an persönlicher Alertheit stark nachgelassen hatte, ein sehr einleuchtender Vorgang, und ferner, daß er seine Reden anerkennenswerterweise selber machte und vorlas. Es fiel Adalbert nicht schwer, in die Villa des Erkorenen zu wiederholten Malen Eintritt zu erlangen, wobei er sich jeglicher Entnahme enthielt, aber die Fortschritte der bevorstehenden Rede im Manuskript verfolgte und sie dabei selber sorglich durchdachte. In der Nacht vor der Sitzung, wo die Rede zugunsten der Diätenerhöhung vom Stapel laufen sollte, fand Adalbert sie denn auch fertig vorliegen, säuberlich und mit fertigem Durchschlag für die Presse getippt. Das Lächeln der Vorfreude verschönte seine Züge, als er sich die beiden Skripte vornahm. Nicht an Ort und Stelle. Er nahm sie mit nach Haus, um die Arbeit in aller Ruhe zu erledigen. Von Mitternacht bis fünf Uhr früh läßt sich viel vollbringen. Die Typen seiner Schreibmaschine waren der des Verfassers ähnlich, er brauchte nur für ein Farbband der gleichen Tönung zu sorgen, was er denn auch schon vorher getan hatte. Er nahm alle nötigen Änderungen, und entscheidende waren es fürwahr, in beiden Exemplaren vor, wobei er nicht einmal zu radieren brauchte, es war schon allerhand durchgestrichen und korrigiert worden, und die Korrekturen, die Adalbert anbrachte, stachen von den vorhandenen nicht genügend ab, um aufzufallen. In Kürze war das wohlbereitete Werk getan, und die beiden Manuskripte, eins davon mit dem Vermerk "Presse" versehen, ruhten um fünf Uhr früh friedlich wieder da, wo er sie hergenommen, in der Aktenmappe des Heimgesuchten, fertig zum Mitnehmen.