Von Günther Anders

Nach der Lektüre des Buches des amerikanischen Schriftstellers William Bradford Huie hat Edmund Wolf die Leser der ZEIT darüber informiert, daß Eatherly Hiroshima weder bebombt noch beweint habe, vielmehr ein lächerlicher Schwindler sei. Die angebliche Entlarvung war bereits vor Monaten durch die Weltpresse gegangen, einige Blätter hatten diese sogar auf ihren ersten Seiten groß aufgemacht und dort mit Jubel willkommen geheißen. Die angebliche Tatsache, daß der Mann, der Hiroshima bebombt hatte, ein Betrüger sei, schien aufs herrlichste, in Form einer human interest story, zu beweisen, daß Hiroshima zu bereuen ein Betrug sei. Und in der Tat gab es nur wenige Kommentatoren – zu diesen wenigen gehört natürlich Edmund Wolf –, die würdig und ohne Schadenfreude zu der (angeblichen) Entlarvung Eatherlys Stellung genommen haben. Aber auch Würde ist noch nicht Wahrheit; auch die Irrtümer von Wolf müssen richtiggestellt werden.

Die Eatherly-Legende habe, so heißt es in Wolfs Text, der „kommunistischen Propaganda von Pankow bis Peking herrlich in den Kram gepaßt“. Das würde Herrn Huie so in den Kram passen. Aber das ist eine Legende. Denn wahr ist umgekehrt, daß der Briefwechsel zwischen Eatherly und mir, der den Hauptpfeiler der angeblichen „Eatherly-Legende“ darstellt und in mehr als fünfzehn Ländern erschienen ist, gerade in Pankow und in Peking (übrigens auch in Moskau) nicht veröffentlicht wurde.

Ferner sei es noch nicht einmal wahr, daß Eatherly Hiroshima bebombt habe. Gewiß nicht. Aber wer hat das je behauptet? Eatherly vielleicht? Oder ich? Reine Legende. Wer Näheres über Claudes von ihm immer wieder betonte Wettererkundungsrolle wissen will, der braucht nur die Schilderung seiner Teilnahme an der „Hiroshima-Mission“ im Brief 42 des Briefwechsels „Off limits für das Gewissen“ nachzuschlagen oder den ausgezeichneten, auf Interviews beruhenden Aufsatz zu lesen, den der amerikanische Reporter Sid Ross in dem Millionenblatt Parade am 20. Mai 1962 veröffentlicht hat. Da ruft Eatherly aus: „Thank God I never saw the damned bomb drop.“ Wer aber, wie Huie das tut, behauptet, Eatherly könne, da er die Bombe nicht selbst geworfen habe, keine Reue gespürt haben, der klagt nicht Eatherly an, sondern sich selbst: denn er argumentiert eichmannhaft, daß derjenige, der nicht zufällig den letzten Handgriff getan hat, auch keine Verantwortung zu spüren brauche.

Das Hauptargument, das Edmund Wolf von Huie übernimmt, ist, daß Claude niemals eine Gewissenskrise durchgemacht, daß er niemals etwas bereut habe, daß Krise und Reue vielmehr reine Erfindungen von Autoren und Journalisten seien, die Claude im Jahre 1957 entdeckt und literarisch bearbeitet hätten; daß Claude sich dieser Pseudoversion seiner Figur und seines Lebens dann vom Jahre 1957 an angeglichen habe. Nun, die Briefe, die Eatherly mir geschrieben hat, können trotz der in die Augen springenden Ehrlichkeit des Tons hier nicht als Widerlegungsmittel gelten: denn sie stammen aus einer Zeit nach dem kritischen Datum 1957. Aus diesem Grunde verzichte ich auch darauf, den seelischen Zusammenbruch zu schildern, dessen Zeuge ich war, als ich mich vor zwei Jahren mit Eatherly in Mexico City traf.

Aber ich möchte doch, ehe ich zu den wirklichen Beweisstücken komme, betonen, daß die Verspätung einer Einsicht oder eines Schuldgefühls nicht das mindeste gegen deren Echtheit sagen würde.

Auch hier kann ich mich wieder auf Sid Ross berufen. Um seinen bereits erwähnten Artikel in Parade vorzubereiten, hatte Ross am 21. Februar 1962 mit Eatherlys erster Frau ein langes Gespräch, und dieses Gespräch hat er mitgeschrieben. Dort heißt es: „Als Eatherly nach Hause kam (nach dem Krieg), war er ein veränderter Mann... Er hatte furchtbare Alpträume – pausenlos. Zuweilen sprang er aus dem Schlaf zwei, drei Fuß hoch in die Luft... Er schrie. Es war furchtbar ... Wenn ich ihn fragte, was los sei, sagte er, er fühle sich schuldig wegen der Bebombung, wegen der furchtbaren Sache, die er in Hiroshima getan habe... Besonders entsinne ich mich eines kleinen Buches über sechs Opfer in Hiroshima (sie meint offensichtlich Herseys ‚Hiroshima‘). Das las er, und wir sprachen darüber. Er war außer sich ... Daß das Gefühl seiner furchtbaren Schuld wirklich war, dessen bin ich gewiß.“

Soweit die erste Frau von Eatherly. Aber auch diese Aussage hat mir nicht genügt. Vielmehr schien, es mir unerläßlich, Dokumente von denjenigen zu beschaffen, die, ohne persönlich in seinen Fall verstrickt zu sein wie seine Frau, Claude gekannt hatten, ehe er von Schriftstellern bearbeitet worden war: also vor 1957. Aus diesem Grunde wandte ich mich an die bekannte amerikanische Publizistin Wanda Whitman mit der Bitte, Auskünfte von solchen Personen einzuholen. Schon ihr erster Schritt hat den entscheidenden Erfolg gebracht.

Die Person, an die sich Mrs. Whitman gewandt hat, war der Anwalt Joseph Gowan in New Orleans, der Claude Eatherly in den Jahren 1954/55 (also mehr als zwei Jahre, bevor irgendein Reporter, Autor oder „Philosoph“ Claude gekannt, geschweige denn „bearbeitet“ hatte) vertreten hatte. Diesem Anwalt legte Mrs. Whitman drei Fragen vor. Die Antworten von Mr. Gowan beweisen, was es mit Huies Theorie auf sich hat: nämlich nichts.

Vielleicht läge es nahe, auf Grund dieser Widerlegung Huies nun zu triumphieren. Aber dazu sehe ich wenig Anlaß. Der Gedanke, daß es einen Autor gibt, der ein Buch schreibt, um zu beweisen, daß Hiroshima zu bereuen deshalb Betrug sei, weil der Mann, der Hiroshima bereue, ein Betrüger sei – dieser Gedanke ist vielmehr so deprimierend, daß er jede Freude über den Sieg im Keim erstickt. Huies Vorgehen war übrigens um so unqualifizierbarer, als er in seinem Buch behauptet hat, den Rechtsanwalt Gowan interviewt zu haben; diesen läßt er sogar in direkter Rede auftreten. Zu entscheiden, ob Mr. Gowan von Huie wirklich interviewt worden ist, das ist für mich nicht möglich, denn im Widerspruch mit Huie teilt Mr. Gowan in seinem, seine Antworten begleitenden Brief mit, daß er sich nicht entsinne, jemals den Fall Eatherly mit Huie besprochen zu haben. Gleichviel, hier sind die dem Rechtsanwalt vorgelegten Fragen und die von diesem erteilten Antworten.

FRAGE: Hat Claude Eatherly während seiner Haft in New Orleans zwischen dem 2. Dezember 1954 und dem 25. Dezember 1955 jemals in Ihrer Gegenwart sein Schuldgefühl erwähnt, das er im Zusammenhang mit seinem Beobachtungsflug über Hiroshima empfunden habe?

ANTWORT: Ja, wir diskutierten darüber mehrere Male. Bei diesen Gelegenheiten versuchte ich, ihm den Gedanken nahezulegen, daß er mit allem, was er getan, seine Pflicht getan habe... daß er, wenn er anders gehandelt hätte,... vielleicht sogar zum Tode verurteilt worden wäre; ... daß es höchst unrealistisch gewesen sei..., sich selbst die Schuld an allen diesen Toden zuzuschreiben; ... und Miß er, sofern ihn sein Verantwortungsgefühl quäle, nichts besseres dagegen tun könne, als diese offenkundige Tat wiedergutzumachen oder für diese zu büßen ...

FRAGE: Hat er jemals seine mit seinem Schuldbewußtsein zusammenhängenden Alpträume oder Schlaf Schwierigkeiten geschildert?

ANTWORT: Ja, davon hatte er mir erzählt, er begann, mir seine Alpträume zu erzählen, aber ich sagte ihm, mir wäre es lieber, nicht davon zu hören, da ich der geistigen Therapie kein Vertrauen entgegenbringe ... Vielleicht sollte ich sagen, daß ich mich unfähig fühlte ..., ihm dadurch zur Besserung zu verhelfen, daß ich der Erzählung seiner Träume zuhörte... Heute glaube ich, daß ich wahrscheinlich unrecht hatte, im nicht mindestens in großen Zügen diejenigen Träume, die ihn am meisten peinigten und die zu erzählen er so gierig war, erzählen zu lassen ... Diese Träume versetzten ihn in beträchtliche Angst und zogen auch andere Unannehmlichkeiten nach sich.

FRAGE: Glauben Sie, daß Claudes Mitteilungen, sofern er Ihnen solche gemacht hat, wahr waren?

ANTWORT: Ja.

Wer ist nun der Mann, der ein so großes Interesse daran hat, Eatherly seine Reue abzusprechen, den schwer Angeschlagenen als einen Schwindler zu entlarven, und der dieser „Entlarvung“ sogar ein umfangreiches Buch widmet?

Am bekanntesten ist William Bradford Huie als Advokat der amerikanischen Air Force. Mit seinem Buch „The Fight for Air Power“ hat er wohl das wirkungsvollste Propagandabuch für den Aufbau der Luftflotte geschrieben. General Hugh Knerr, der Mitverfasser dieses Buches, war, in Huies eigenen Worten, derjenige Mann, der „mehr als jeder andere zur Konstruktion der ... B 29 beigetragen hatte“. Welche Koinzidenz! Erst hat Huie mit dem Mitkonstrukteur der B 29 zusammengearbeitet; und dann stellt er denjenigen, der durch seine Reue den Triumph der B 29, den Hiroshima-Flug, kritisiert, als einen armseligen Hochstapler dar. Und wie eigentümlich, daß der Autor, der in seinem Buch über Eatherly behauptet, nichts als ein Reporter und ein völlig unabhängig arbeitender Researcher und Schriftsteller zu sein, sich in einem anderen seiner Bücher, „The Case Against the Admirals“, rühmt, ihm sei das gelungen, was selbst dem Luftwaffengeneral Arnold nicht gelungen sei: nämlich den bereits pensionierten Knerr wieder in die Militärhierarchie zurückzubefördern.

Wo steht dieser Mann nun politisch? Auf diese Frage antwortet uns das eben schon genannte Buch „The Case Against the Admirals“, das in der Forderung eines Präventivkrieges gipfelt. Angegriffen werden soll nicht etwa nur, wie es in gewissen Kreisen zum guten Ton gehört, Rußland, sondern gleichzeitig auch, gewissermaßen in einem Aufwaschen, Indien und China – und um dieser einen enormen Aktion auch einen Feind zu geben, erfindet Huie, der wie andere Erfinder durch den Gedanken des Krieges schöpferisch wird, das Dachwort „Chindia“.

Diese und ähnliche politische Ideen setzte er als der Herausgeber der strammsten McCarthy-Zeitschrift, die es in Amerika je gegeben hat, nämlich des American Mercury, fort. Da lesen wir nicht nur, daß „Berufsneger“ (professional Negroes) zu Pfeilern der Demokratischen Partei würden (November 1951); nicht nur, daß es ein Verrat an den amerikanischen Toten sei, daß sich Amerika die Mandschurei nicht eingesteckt habe; nicht nur, daß Mitglieder der Demokratischen Partei „Missouri Muzhiks“ seien (Oktober 1951); nicht nur, daß der zum Konservatismus neigende Acheson zu den „Rußland-Anbetern“ gehöre (Oktober 1951), zu jenen, die Amerika nach dem Bilde Sowjetrußlands neu zu schaffen wünschten; sondern auch, und zwar in einem von Huie selbstverfaßten Aufsatz (April/Mai 1951), daß es Amerikaner gewesen seien, die den Russen die Atombombe gegeben hätten, und daß die amerikanische Regierung versucht habe, diese Kriminellen zu decken. In der Tat wurde Huies Zeitschrift so fragwürdig, daß, mindestens in einem Fall, das State Department durch einen seiner Vertreter erklären ließ, gewöhnlich beantworte es zwar einen solchen „Mischmasch von Halb Wahrheiten, herausgerissenen Sätzen, Falschdarstellungen und totalen Verfälschungen nicht, in diesem Falle müsse es von dieser Routine aber abgehen“ (New York Times, 20. Mai 1952).

Nichts ist deprimierender, als seine Zeit mit der Bekämpfung eines Mannes zu verbringen, der so gewissenlos ist, denen zu schmeicheln, die kein Gewissen in der Welt zu sehen wünschen. Aber entziehen kann man sich dem nicht. Der Schaden, den dieser Mann anrichtet, wächst von Tag zu Tag. Ich spreche nicht allein von jenen Hunderttausenden, die der Gedanke, daß es eine Gegenfigur gegen Eichmann gibt, in ihrem Willen, die Katastrophenmaschinerie der heutigen Politik aufzuhalten, ermutigt hatte. Ebensogroß ist der Schaden, den Huie in der Seele einzelner Menschen angerichtet hat oder anrichten wird.

Da gibt es zum Beispiel eine Gruppe von japanischen Mädchen, die sogenannten „Girls of Hiroshima“, Mädchen, die, durch die Katastrophe mehr oder minder entstellt, als Krüppel weiterleben müssen. Diese dreißig Mädchen haben vor fünf Jahren einen Brief an Claude geschrieben, der wohl ebenso in die Geschichte eingehen wird wie der Abwurf der Bombe. In diesem Brief, einem der schönsten Zeugnisse der Menschlichkeit heute, teilten diese Mädchen Eatherly mit, daß sie ihm gegenüber keine persönliche Feindschaft verspürten („We do not harbor any sense of enmity to you personally“). Was sollen diese Mädchen, wenn sie den schadenfrohen oder triumphierenden Zeitungsaufsätzen, die es natürlich auch in Japan gibt, entnehmen, daß sie einem „kleinen Schwindler“ aufgesessen seien, nun denken? Sie können einfach nichts anderes denken, als daß sie ihre Verzeihung und ihren Großmut verschwendet haben und daß sie nun nicht nur als Entstellte ihr Leben weiterführen müssen, sondern auch als Entehrte und als lächerlich Betrogene.

Und wie soll Claude Eatherly selbst weiterleben? Er, der es wahrhaftig schwer genug gehabt hat und der nur auf schlimmen und krummen Umwegen zur wirklichen Erwachsenheit hat hinfinden können? Er, der gerade heute, jungverheiratet und als Vater eines erst vor kurzem geborenen Kindes, ein neues Leben begonnen hat? Wie soll der nun weiterleben, wenn man, wo immer er auch erscheint, mit dem Finger auf ihn zeigen wird?

Meinen Briefwechsel mit Eatherly hatte ich vor einigen Jahren „Off limits für das Gewissen“ genannt und damit gemeint, daß es Eatherly mißgönnt würde, ein Gewissen zu haben. Heute muß ich hinzufügen, daß dieser Buchtitel noch ungleich besser auf Huie passen würde. Nur daß diese Worte nun auf einen Mann hinweisen, der sich selbst das „Off-limits“-Schild umgehängt hat.