Die deutschen Tokio-Ausscheidungen sind nun in die entscheidende Phase getreten. Nach dem nächsten Wochenende sollen sie beendet sein, einschließlich der Proteste. Die Leichtathleten und Schwimmer haben die erste Halbzeit hinter sich gebracht. Jene im (West)-Berliner Olympiastadion, diese im Magdeburger Hallenbad.

Stellt man das beliebte Ost-West-Zahlenspiel an, so führen bei den Leichtathleten die DDR-Sportler mit 34 : 26, bei den Schwimmern mit 17 : 10. Eines wurde wiederum ganz deutlich: Dort, wo es auf zähen Fleiß, auf extreme Ausdauer und auf das feste Zusammenfügen einer Mannschaft ankommt, ist das kommunistische Sportregime mit seiner straffen Organisation und seinen idealen Trainingsmöglichkeiten klar überlegen. Dort, wo das Talent und der Kampfgeist des Individuums entscheidet, triumphiert meist der Westen. Rückenschwimmer Küppers bot die international wertvollste Leistung der beiden Ausscheidungen. Im Marathonlauf, im 20- und 50-km-Gehen dagegen ging es 12 : 0 für die DDR aus, und rechnet man die verlorene Sprintstaffel zu den Ergebnissen der Kampfspiele hinzu, so heißt es nun in den Mannschaftsdisziplinen 45 : 0 für die DDR. Die herbste Enttäuschung für die Sportler der Bundesrepublik war ihr Verlust der 4×100-Meter-Staffel. Sie wurde verloren, obwohl man die schnelleren Läufer hatte – aber diese wechselten wie eine Mädchenklasse, die zum erstenmal ein Staffelholz in den zarten Händen hält. Die "Viererstaffel" ist immer unser Stolz gewesen. 1960 gewann sie endlich Gold, wobei die Amerikaner erst "überwechseln" mußten. Aber schon 1912 hatten die Deutschen in Stockholm gewonnen (auch damals waren die Amerikaner im Zwischenlauf wegen Wechselüberschreitens disqualifiziert worden), aber auch damals traf sie der Bann eines schwedischen Bahnrichters. 1928 und 1932 gab es Silber. Schon vom Frühsommer an wurde die Staffel durch "Reichssportlehrer" Waitzer eingewechselt, so wie es jetzt auch die DDR gemacht hat. In der Bundesrepublik dagegen wurde das Staffeltraining einem unsicheren, unerfahrenen Mann übergeben, der, wenn man vom Sportwart absieht, der ihn einsetzte, die Hauptschuld an diesem Debakel trägt. Solch dilettantisches, vermeidbares Versagen kann man sich einfach in diesen harten, gnadenlosen Ausscheidungen nicht leisten. Kein Wunder, daß die 40 000 Berliner, nachdem sie den großartig wechselnden vier Deutschen von drüben herzlichen Beifall gespendet hatten, die westdeutsche Staffel auspfiffen. Aber auch die Sprinter trifft Schuld. Sie hätten einen solch unfähigen Trainer nach Hause schicken und von sich aus auf rechtzeitiges Formieren der Staffel drängen müssen. Zum großen Sporterfolg gehören nicht nur schnelle Beine, sondern auch Persönlichkeiten. Den "Wechsel" kann man lernen, man muß ihn allerdings üben, nicht ein paarmal, sondern ein paar hundertmal.

Wir hatten nach den Meisterschaften geschrieben und errechnet, daß die westdeutsche Sprintstaffel 39 Sekunden laufen könne – das klang manchem allzu kühn. In Berlin wurde es jetzt durch die mitteldeutschen Vier bewiesen, die 39,4 erreichten, obwohl sie läuferisch drei bis vier Meter schlechter waren als unser bestes Quartett. Die Frage erhebt sich, haben wir keine besseren Staffeltrainer? Die Antwort lautet: Dutzende. Da ist ein Heinz Fütterer, Sportlehrer seines Zeichens, mehrfacher Europameister im Sprint. Warum wird ein solcher Mann nicht eingesetzt? Antwort: Die alten Meister haben in den Augen vieler Sportfunktionäre unbequeme Eigenschaften: Sie sind im Verein für deutliche Aussprache. Wenn nach Tokio dem bundesdeutschen Sportschlendrian der Garaus gemacht werden soll, wird es nicht mit kleinkarierter Diplomatie, sondern nur mit deutlicher Aussprache möglich sein.

Eine ebenso große Überraschung wie die Staffelniederlage war der Sieg der drei westdeutschen Vertreter über 5000 Meter. Mit Norpoths Sieg hatte man gerechnet, aber Letzerich und Ersatzmann Philipp waren auf dem Papier ohne Chance. Als sie sich von dem besten DDR-Läufer Siegfried Herrmann, dem Pechvogel von Melbourne, dem damals die Achillessehne gerissen war, immer mehr absetzten, gerieten die Zuschauer fast in einen Begeisterungstaumel. Es ist hochinteressant, wie sich hier die große politisch ideologische Auseinandersetzung in der Arena widerspiegelt. Solche Begeisterung ist alles andere als Chauvinismus. Sie entspringt der Freude darüber, daß sich auch unsere jungen Sportler, selbst wenn sie scheinbar auf verlorenem Posten stehen, so tapfer schlagen. Und wenn sie sich immer selbst auf den Sportplätzen bekämpfen, so sollten wir zufrieden sein, wenn das auch sicher nicht der eigentliche Sinn des Sportes ist.

A. M.

Eines war aber versöhnt bei diesen mörderischen Ausscheidungen, die soviel Verletzte brachten (Reinhardt, Kalfelder usw.) – das Verhalten des Publikums. Die Zuschauer diesseits und jenseits der Zonengrenze waren durch die Bank sehr fair und verteilten den Beifall gerecht nach Ost und West. So lag doch noch ein Funke brüderlich-olympischen Glanzes über diesen so unerbittlichen innerdeutschen Kämpfen.