Das ist ja Echterdingen, sagte Inge zu mir, als Hanns Lothar die vertraute schwäbische Wartehalle durchmaß und an eben dem Schalter, hinter dem sonst, souverän und mürrisch, Frau Bauer regiert, bei einem freundlichen Herrn sein 150-Dollar-Ticket nach Vancouver löste. Die Südfunk-Leute hatten Geld gespart, Flugplatz ist Flugplatz, und mochte auch die Fußballbegeisterung der Reisenden eher germanisch anmuten, die Währung, die Geographie, die traveller-Namen ließen keinen Zweifel daran, daß man in Amerika war: 150 Dollar, viereinhalb Stunden mit einer Propellermaschine, das läßt sich berechnen.

Nun, anfangs ging alles vortrefflich, die Stewardeß, eine bezaubernde Moira, fragte Lamm oder Fisch, Lothar und Sterzenbach entschieden sich für Fleisch, Hoffmann und Weiß hingegen, Kapitän und Offizier, schwankten eine Sekunde, das Fatum hielt den Atem an, und nahmen dann Fisch, nahmen aus Fortunas zierlichen Händen jene verdorbene Scholle, die nicht das Stuttgarter Hotel Zeppelin, nicht das Bundeshotel und nicht das Schloßgartenhotel, sondern eine anonyme amerikanische Gesellschaft angekarrt hatte.

Fisch oder Fleisch, das hieß von nun an Leben oder Tod. Sterzenbachs, des Arztes Tabletten nützten nur wenig, die Passagierpupillen waren starr, die Flugzeuglenkung war es auch: automatisch gesteuert schwebte die Chartermaschine mit den Fußballfreunden durchs All. Das Bewußtsein verließ die Heilbuttesser vorn in der Kanzel, ein Lichtsignal zuckte auf, von Ingmar Zeisberg ermuntert ergriff der unverwüstliche Lothar (ehemals in der Air Force, aber nur Jagdmaschinen, tausend Stunden geflogen) den Knüppel. Die Funkverbindung klappte vortrefflich, von Vancouver aus lenkte Neutze, ein Flugkapitän ohne Nerven, seinen alten Hannoveraner Kollegen sicher zum rettenden Port.

Männliche Gags durchflogen den Äther, der Todesengel im Cockpit, Frau Zeisberg, bediente meisterlich die entfernter liegenden Hebel; freundliche Helfer schwirrten mit Bechern und mit Decken durch den Gang; Regie und Autor machten das Unmögliche möglich, die nie geübte Kurve gelang, im Slalom-Zickzack setzte die Maschine auf, und siehe, auch die nicht angeschnallten Fluggäste kamen gnädig davon. Ein herbes Witzwort, unterkühlt und soldatisch, ließ alles Schwere vergessen, die Magenpumpen waren mitsamt der sie bedienenden Ärzte bereit. Ein leerer Pilotensessel symbolisierte das Ende des Spiels; der Heilbutt hatte seine Schuldigkeit getan, man blendete aus, die Ansagerin des Südfunks erschien, und jetzt erst kam die Pointe. Mit feierlichem Gesicht, die Lachmuskeln mühsam beherrschend, gab die Sprecherin ein Bulletin der deutschen Fischwerbung kund: die Heilbuttschnitten, auf diese Feststellung lege man Wert, seien kein Erzeugnis der deutschen Fischindustrie...

Man schrieb Dienstag, den 18. August, es war 21 Uhr 20, als im Fernsehen eine neue Epoche begann. Die Autoren sind von nun an gewarnt, und jedermann weiß, daß die Fischindustrie, und nicht nur sie, auf der Hut ist. Beim nächsten Mal, soviel steht fest, wird man eine Entschuldigung fordern und den Intendanten an den Bildschirm beordern.

Auf der anderen Seite freilich haben die Schriftsteller am Abend des 18. August etwas erreicht, was ihnen während dreier Jahrtausende niemals gelang. Literatur wird von jetzt an für bare Münze genommen, alle Gesetze der Philosophie sind über den Haufen geworfen, die Identifikation von Idee und Materie ist endlich erreicht, Spiel und Wirklichkeit, Fiktion und Realität scheinen ein und dasselbe zu sein.

Was Platon einst in Angriff nahm: den Nachweis, daß die Ideen das Allerwichtigste seien, haben die Fischwerbungsbosse zu Ende geführt. Ein Phantasie-Butt, das wissen wir jetzt, ist genauso kostbar wie ein richtiger Fisch. Glückliche Dichter: die Idee eines verdorbenen Schollenfilets läßt die Konzernherren zittern. Die Sorge ums Geld hat die Träume der Poesie in Handelswaren verwandelt; Geist ist Materie geworden; es stehen goldene Zeiten bevor. Momos