Sie haben in Nr. 28 ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Sätze von mir zitiert und daran die Bemerkung geknüpft: "Sehr genau nehmen es die deutschen Gaullisten mit ihren Analysen eben nicht Es ist freundschaftlich und fair von Ihnen, daß Sie mir nun etwas mehr Platz einräumen, um meinen "Gaullismus" zu begründen. Ich tue das um so lieber, als ich den ersten Artikel über dieses Thema im Frühjahr 1960 — ich war damals noch Ihr Pariser Korrespondent — in der ZEIT veröffentlichte. Allerdings erinnere ich mich, daß das der einzige unter meinen vielen ZEIT Artikeln war, den Sie nur zögernd und nach längerem Drängen erst brachten. Wir sind beide also unseren Linien treu geblieben . Enttäuschen muß ich Sie allerdings insofern, als ich diesen neuen Artikel nicht im Auftrage von Franz Josef Strauß schreibe (und schon gar nicht in dem des französischen Generalkonsulats in München oder der noch nicht existierenden rotchinesischen Botschaft in Bonn). Ich bin ein Einzelgänger ohne jede Parteibindung. Das hat allerdings auch den Vorteil, daß ich manches ausspreche, was ich nicht aussprechen könnte, wenn ich für eine der interessierten Gruppen spräche.

Die Entgegnung auf die hier zur Debatte gestellte gaullistische Analyse der Weltsituation läßt sich zusammenfassen in den Satz: Die Analyse geht von falschen Voraussetzungen aus, und die Schlußfolgerung scheint mir auf einem Denkfehler zu beruhen.

Mohlers Analyse beruht auf der Behauptung, die Welt sei bisher in zwei einander feindlich gegenüberstehende Hälften gespalten gewesen ("da es bloß zwei konkurrierende Mächte gab, war es auch beim letzten Fleckchen auf der Erde bedeutsam, zu welchem der beiden Lager es sich schlug "). Er übergeht also ganz einfach die "dritte Welt", der nahezu die Hälfte der Menschheit angehört und die in den Jahren des kalten Krieges nur das eine Ziel kannte, möglichst nicht Partei ergreifen zu müssen, sondern von beiden Blöcken profitieren zu können.

Es stimmt also nicht, wenn Mohler meint, erst jetzt im Zeichen des Polyzentrismus begännen Indien, die arabische Welt und andere Blockfreie allmählich eine eigene, unabhängige Politik zu treiben. Sie haben dies immer schon getan — sehr zum Ärger der um ihre Gunst werbenden beiden Blöcke. Eine wie entscheidende Rolle gerade der Kommunismus der "dritten Welt" zumißt, wird unter Sachzwängen versteht "Gegebenheiten wie Raum und Bevölkerungsdruck", sagt er, was aber war dann Hitlers Lebensraum Theorie? Sachzwang oder Mutwille? Wenn es wirklich Sachzwang war, dann muß man sich eigentlich wundern, wieso es möglich ist, daß heute noch mehr Menschen in einem noch kleineren Lebensraum ihr Auskommen finden als damals. Ist es nicht so, daß "Sachzwänge" zumeist subjektiver Interpretation unterliegen? Jeder schafft sich doch wohl seine eignen Sachzwänge.

Der deutsche Gaullismus sei die Frontstellung gegen die einseitige Moralisierung der Politik. So wie hier die Moral in der Politik definiert wird, erscheint mir dies ein Grund mehr, dem deutschen Gaullismus mit äußerster Skepsis zu begegnen. Wir verfolgen die deutschen Kriegsverbrechen doch nicht, weil wir uns davon "eine Verbesserung der Stellung Deutschlands in der Welt er