Sie wird den Milchmann abbestellt haben; Flaschen häuften sich nicht vor ihrer Tür. Sie wird das Zeitungsabonnement aufgegeben haben; bedrucktes Papier lag nicht herum. Sie hatte alle Rechnungen beglichen; keiner konnte noch etwas von ihr wollen. Sie war 73 Jahre alt, eine Rentnerin und trug einen Namen, wie Wedekind ihn in einer seiner Schauerballaden benutzt haben könnte: Kunigunde Zimmermann.

Als alles erledigt war, setzte sie sich in ihr Wohnzimmer und nahm sich das Leben. Das muß im Mai vergangenen Jahres gewesen sein. Aber man weiß das Datum nicht genau. Wer will das auch nach vierzehn Monaten noch feststellen? Erst im August 1964 fand man sie. Und die Polizei teilte mit, der Grund des Selbstmordes sei unbekannt. Oh, du mein Wien!

Es hat sich also um eine Wienerin gehandelt bei dieser alten Frau, deren Tod erst vierzehn Monate später entdeckt wurde. Zwar weiß man längst, daß eine Stadt, je größer sie ist, desto bessere Gelegenheit bietet, sich unbemerkt davon zu machen. Aber daß gerade das sprichwörtlich so liebenswürdige Wien sich dazu besonders gut eigne – wer hätte das bisher annehmen dürfen?

Andererseits haben die Einzelheiten wiederum echt wienerisches Kolorit. Nehmen wir hier bloß einmal die Nachbarn zum Exempel. Sie haben halt geglaubt, die alte Dame sei hübsch lang verreist. Wie? Eine Reise von fast anderthalb Jahren? Ja, wie die Zeit vergeht!

Freilich, zuerst hat man gelegentlich auch noch gedacht: Wie mag’s der alten Frau Kunigunde gehn? Später hat man drauf vergessen. Um offen zu sein: Man hatte nix gegen sie gehabt in der Nachbarschaft, absolut nix. Und so ist die Zeit vergangen. Denn für sie hat man ebenfalls nix g’habt.

Und die Polizei, deren Mitglieder das Wort "Einsamkeit" vielleicht nur von Hörensagen kennen, meint: "Selbstmordgründe unbekannt."

Aber die übrige Behörde? Nun, die alte Frau Zimmermann – Vorname Kunigunde – ist nimmer gekommen, ihre beim Postschalter liegende Rente abzuholen. Folglich hat man ihr keine mehr gezahlt. Das ist ein klarer, einfacher und korrekter bürokratischer Vorgang. Denn Renten-Behörden nehmen immer an, daß, falls ein alter Mensch nicht nachweist, er lebe noch, er mittlerweile verstorben sei. Man ist halt mit sich selbst beschäftigt, auch die Behörde. Und nicht nur in Österreich.

Der Polizeibericht sagt, die Greisin sei, nachdem man die Wohnung aufgebrochen habe, im Wohnzimmer "fast mumifiziert" aufgefunden worden: eine Wendung, die Takt verrät und vermuten läßt, daß die Polizisten ein bißchen staunten. Tod in Wien...