Zum zweitenmal in diesem Sommer wurde Bonn aus seinem Ferienschlaf aufgescheucht. Statt Bundespostminister Stücklen stand nun Vizekanzler Mende im Brennpunkt. Pressedienste und Zeitungen hatten den gesamtdeutschen Minister und FDP-Vorsitzenden verdächtigt, im Frühjahr Kontakte mit Ulbrichts Stellvertreter Stoph angeknüpft zu haben. Nach der einen Quelle varen seine Mittelsleute Industrielle, nach anderer Lesart Journalisten. Angeblich wollte Mende erfahren, wie Ostberlin auf ein Bundesamt für gesamtdeutsche Kontakte reagiere.

Aus einem Wust von Dementis ging bisher nur eines hervor: Mende und sein Parteivorstand haben an 10. April vorgeschlagen, alle technischen Kontakte mit der DDR zusammenzufassen und die Treuhandstelle für den Interzonenhandel, über die bisher die Kontakte liefen, strukturell umzuändern.

Dieser Vorschlag war weder sensationell noch neu. Als erster hat ihn der Berliner Senatspressechef Egon Bahr im Juli 1963 in seiner Tutzinger Rede ("Wandel durch Annäherung") ausgesprochen. Weitsichtige Politiker aller Pateien, behauptet die FDP, seien derselben Ansicht.

Nichtsdestoweniger empörte sich CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Rasner über "solch abstruse Gedanken". Seine Partei befürchte, die "Zone" würde in solchem Amt ein "Ersatz-Auswärtiges Amt" erblicken. Dazu die FDP: "Die Kontaktstelle würde Pankow nicht aufwerten, sondern unsere Verhandlungsposition stärken."

Unbeantwortet blieb bisher Rasners Frage, "wer mit wem über wen Kontakte oder Sondierungsgespräche geführt hat". Mende, im Urlaub an der Ostsee, hüllte sich in Schweigen. Die Bundesregierung ließ verlauten, ihr sei von solchen Gesprächen mit Ostberlin "nichts bekannt". Leute mit gutem Gedächtnis erinnerten sich aber, daß sich 1957 Bundesfinanzminister Schaeffer, ein CSU-Mann also, in Ostberlin heimlich mit Vopo-General Vinzenz Müller getroffen hatte. Dieses Interzonengespräch wurde erst Jahre danach ruchbar.

Überhaupt würde eine gesamtdeutsche Kontaktstelle nicht viel anders funktionieren als gesamtdeutsche Kommissionen, wie sie die Bundesregierung selber in den letzten zwölf Monaten mehrfach vorgeschlagen hat. Die Kommissionen sollten über Interzonenhandel, Post- und Bahnverkehr und Passierscheine verhandeln, allerdings im Auftrage der vier Großmächte. Diese Kommissionen waren ein Element des sogenannten Herter-Plans: US-Außenminister Christian Herter hatte 1959 in der Genfer Außenministerkonferenz einen gemischten Ausschuß (25 West-, 10 Ostdeutsche) vorgeschlagen, der technische Kontakte herstellen, die Menschenrechte sichern und freie, geheime, von Unabhängigen kontrollierte Wahlen vorbereiten sollte. Die Mitglieder des Ausschusses sollten von den Regierungen in Bonn und Ostberlin ernannt werden.

Es hätten sich also Beauftragte der Bundesregierung mit Vertretern einer Regierung, die von Bonn nicht anerkannt wird, an einen Tisch gesetzt. Allerdings wurden Regierungspolitiker in Bonn auch damals schon von der Sorge um eine "Aufwertung" der DDR gequält.