Von Walter Muschg

In der ZEIT vom 3. Juli veröffentlichte der Göttinger Germanist Professor Dr. Walther Killy einen Artikel, in dem er sich kritisch auseinandersetzte mit der "Ausbruchsphilologie", der sein Kollege, der Berliner Germanist Professor Dr. Wilhelm Emrich, vor allem in seinen für "Die Welt der Literatur" geschriebenen Essays zu huldigen scheint. Heute wendet sich der Baseler Germanist Professor Dr. Walter Muschg, bekannt und umstritten vor allem durch seine herausfordernden Bücher "Tragische Literaturgeschichte" und "Die Zerstörung der deutschen Literatur", grundsätzlich und mit der Schärfe, die ihm geboten schien, gegen Killys Kritik. Wir glauben, daß es – Walther Killy hat das in einem Leserbrief an die ZEIT betont – keinem Hochschul-Germanisten um persönliche Verunglimpfungen gehen kann. Wer klärend und erklärend wirken will, muß es freilich wagen, Namen und Daten zu nennen. An Klärung ist allen gelegen, denen die deutsche Literatur etwas bedeutet. Die Germanistik heute erscheint auch wohlwollenden Betrachtern eher als eine überlaufene denn als eine blühende Wissenschaft. Das Unbehagen finden wir in allen "Lagern". Ihm gegenüber gibt es zwei Standpunkte: "Das läßt sich am ehesten intern regeln" oder "Man muß offen darüber sprechen". Wir Journalisten sind natürlich für eine offene Diskussion. Auf Walter Muschg antwortet nächste Woche Peter Demetz, Professor für Deutsche Literatur an der Universität Yale.

Die deutsche Germanistik befindet sich heute in einer Situation, die ihr nicht an der Wiege gesungen wurde. Sie ist zum akademischen Modefach geworden, dessen Überwuchern das Gefüge der Hochschulen zu sprengen droht oder bereits gesprengt hat. Es gibt Universitäten, die dreitausend und mehr Studierende der Germanistik aufweisen und nicht einmal alle Lehrstühle besetzt haben, zu schweigen davon, daß die Zahl der Dozenten und Hilfskräfte nicht annähernd im entsprechenden Ausmaß vermehrt werden kann. Der krasse Mangel an Dozenten hat dazu geführt, daß Hauptprofessuren an junge Gelehrte vergeben werden, die unter normalen Umständen noch einen langen Weg bis zu diesem Ziel vor sich gehabt hätten. Statt in Ruhe ihren Forschungen leben zu können, werden sie jetzt sofort in einen Riesenbetrieb hineingestellt, der sie zu Verwaltungsbeamten degradiert. Die Studierenden sind weitgehend sich selbst überlassen, ihre Lehrer reiben sich vorzeitig unter einer ihrer unwürdigen Kärrnerarbeit auf.

Das Schlimme ist, daß dieser Zustand nicht mit einer geistigen Blüte unseres Faches einhergeht, sondern mit einem wissenschaftlichen Tiefstand, wie er noch kaum je zu verzeichnen war. Die Hochkonjunktur der Germanistik hat zwar einen äußerlich imposanten Betrieb mit Kongressen, Austauschprofessuren, Vortragsreisen, überseeischen Gastsemestern, Podiumsgesprächen und Rundfunkvorträgen mit sich gebracht. Aber auch diese Entwicklung geht in die Breite statt in die Tiefe. Große Werke entstehen nur noch ausnahmsweise, die Fachzeitschriften leiden unter dem Mangel an bedeutenden Beiträgen; ein bekannter deutscher Kollege sagte mir einmal, wenn er dazu komme, eine Rezension zu schreiben, sei das für ihn ein literarisch fruchtbares Jahr. Das glänzende Elend des Massenbetriebs verschlingt alle Kräfte und läßt es nicht zu, daß die fundamentalen Probleme überdacht werden, die gerade der deutschen Literaturwissenschaft unserer Zeit gestellt sind. Der große Methodenstreit der Vorkriegszeit ist verstummt, seine reichen Ansätze sind vergessen; die großen wissenschaftlichen Aufgaben – Überwindung des nationalen Denkens, Erforschung des Expressionismus, der immer noch übersehenen Aufklärung und der Freiheitsdichtung des neunzehnten Jahrhunderts, um nur dies zu nennen – bleiben auf sich beruhen. Nirgends mehr eine Besinnung auf das Ganze, auf die Prinzipien, statt dessen ein Weiterschleppen überlieferter Vorurteile und überlebte: Mythen, das nach allem, was geschehen ist, eigentlich nicht verantwortet werden kann.

Ein Symptom des Niedergangs ist nicht zuletzt das Abgleiten der deutschen Nachkriegsgermanistik in eine rein formale Betrachtung der Literatur. Die Wissenschaft von deutscher Sprache und Dichtung wurde einst als öffentliche Sache des ganzen deutschen Volkes begründet und bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein in diesem Sinn verstanden. Daß sie in die Katastrophe des Nationalismus mitgerissen wurde, macht es begreiflich, daß die jüngere Forschergeneration nach 1945 aller Geschichte und Ideologie abschwor und sich auf die Untersuchung der bisher vernachlässigten Stil- und Formprobleme umstellte. Es ist daraus Bedeutsames entstanden, aber neben der Befruchtung auch eine modische Mitläufern und subalterne Rechthaberei, die eine neue geistige Verödung darstellen. Es gibt jetzt einen Typus des deutschen Schriftgelehrten (glücklicherweise ist es nicht der einzige), der nur noch die geschichtslose, rein ästhetische Analyse des einzelnen Dichtwerks gelten läßt, von Inhalten und Ideen nichts wissen will und vollends auf Begriffe wie Persönlichkeit, Charakter und Weltanschauung reagiert wie der Teufel auf das Weihwasser. Diese Stil- und Strukturdeuter haben sich den L’art pour l’art eines wissenschaftlich verbrämten New criticism verschrieben und gehen mit verächtlich hochgezogenen Brauen an einer Realität vorbei, in der weniger glücklich Veranlagte kaum mehr zu atmen vermögen. Sie müssen sich sagen lassen, daß eine Literaturwissenschaft, die das Dichtwerk auf einem antiseptischen Operationstisch mit Handschuhen zergliedert, es aus der Geschichte herauslöst und auf die Würdigung seiner gedanklichen und persönlichen Inhalte verzichtet, sich selbst verstümmelt und Gefahr lauft, ihre Existenzberechtigung zu verlieren.

Das Bewußtsein dieser Gefahr hat offenbar Wilhelm Emrich, den Ordinarius für deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin, zu den radikal formulierten Aufsätzen veranlaßt, die seit einigen Monaten so heftige Angriffe auf ihn auslösen. Er ist in ihnen mit einer absolut wertenden Schärfe und Verallgemeinerung, die auch ich im einzelnen oft nicht unterschreibe, mit der modernen Dichtung ins Gericht gegangen, hat die geltenden Urteile über sie grundsätzlich in Frage gestellt und damit indirekt auch ein Urteil über diejenigen gefällt, die von Berufs wegen verpflichtet wären, sich über das literarische Tagesgeschehen zu einem höheren Standpunkt zu erheben. Es spricht für die prekäre geistige Lage unseres Faches, daß seine Äußerungen prompt als "Ausbruchsphilologie" angeprangert wurden (Walther Killy in der ZEIT vom 3. Juli 1964).

Ausbruch woraus? Bilden wir Germanisten eine Front? Emrich gehört der Vorkriegsgeneration der heute – wirkenden Hochschullehrer an, er ist ein philosophisch geschulter Kopf und tritt auch für meinen Geschmack zu denkerisch an die Dichtung heran, hat aber besonders mit seinem Kommentar zu "Faust II" und seinem Werk über Kafka Leistungen vorgelegt, die trotz manchen möglichen Vorbehalt Bewunderung verdienen und zum Bedeutendsten gehören, was die deutsche Literaturwissenschaft unserer Zeit aufzuweisen hat. Wenn nun Walther Killy, Verfasser eines Büchleins über das welterschütternde Problem des Kitsches und von Studien über Georg Trakl, in denen er Trakls Lyrik auf eine Art Zusammensetzspiel mit stereotypen Bildern reduziert, Emrichs Unruhe als prophetischen Eifer eines von einer fixen Idee Besessenen diffamiert, der ihn an den Rembrandt-Deutschen, an H. St. Chamberlain, Spengler und sogar an die Kämpfer gegen die Weisen von Zion erinnert, dann verrät diese maßlose Antwort dem Kundigen, daß hier offenbar eine wunde Stelle berührt wurde. Ist Emrich in Einzelheiten zu weit gegangen, so geht Killy mit seinen persönlichen Verunglimpfungen über die Grenze eines sachlichen Gesprächs hinaus und weckt Mißtrauen gegen die Stichhaltigkeit seiner Argumente. Er wirft dem Gegner Dinge vor, die dieser gar nicht gesagt hat, und andere, die ihm eher zur Ehre gereichen, wenn man aus dem Schneckenhaus des Ästhetizismus auf die Ebene der Zeitkritik hinaustritt, auf die Emrich sich begeben hat.