Von Peter Adam

Unser deutsches Volk kennt unwidersprochen seine Dichter, Künstler und Gelehrten, seine großen Erfinder und Entdecker, auch seine Staatsmänner in der Regel gut. Seinen ebenso großen Kaufleuten bringt es allerdings oft nur eine flüchtige Verehrung aus der Geschichte entgegen."

In dem Zeitpunkt, als der Frankfurter Uhrenhändler Leon Lipot Weiss diese traurige Wahrheit in einem Werbeprospekt aussprach – um anschließend geschickt auf seine Verdienste im die westdeutschen Verbraucher überzuleiten – mag ihm bereits gedämmert haben, wie vergänglich sein Ruf und Ruhm als "Pionier des neuen Preissystems" sei.

Es hat in der Tat nicht den Anschein, als ob "unser deutsches Volk" seinem Andenken einen Ehrenplatz in der Geschichte einräumen und seinen Namen künftig zusammen etwa mit dem eines Fugger nennen würde. Daß sein Stern jedoch so bald sinken und seine Karriere ein so ruhmloses Ende nehmen würde – wer hätte das vor einem halben Jahr gedacht, als Leon Lipot Weiss noch den Vorstandsvorsitz der Aktiengesellschaft Uhren-Weiss AG führte mit über 35 Millionen Jahresumsatz und an die 60 Filialen im In- und Ausland?

Nach einer stürmischen Aufsichtsratssitzung im vergangenen Freitag in München kam es zu einer plötzlichen Trennung. Leon Lipot Weiss mußte auf Geheiß des Aufsichtsratsvorsitzers Rudolf Münemann sein Köfferchen packen – und es hat nicht den Anschein, als ob er darin ein Vermögen nach Hause getragen hätte. Dem Münchener Finanzmakler, der die Finanzmacht bei der Uhren-Weiss AG bereits seit geraumer Zeit ergriffen hat, war offensichtlich der Geduldsfaden gerissen. Die Uhren-Weiss AG wird voraussichtlich nicht mehr lange ihren Namen tragen und damit auch der Name Weiss unerbittlich in den Strom des Vergessens getaucht werden.

Leon Lipot Weiss hat jetzt Gelegenheit, seine philosophischen Betrachtungen über das mangelnde Geschichtsbewußtsein des deutschen Volkes fortzusetzen. Vielleicht kommt er demnächst mit seinen Memoiren heraus. An Stoff hierzu gebricht es ihm sicherlich nicht. Wenn er auch nicht zu den Männern zählt, die Geschichte gemacht haben – an Geschichten fehlt es gewiß nicht...

Es ist beinahe zehn Jahre her, daß Leon Weiss in einer Nebenstraße der Frankfurter Innenstadt ein Uhreneinzelhandelsgeschäft eröffnete. In Frankfurt gab es damals an die zweihundert Uhrengeschäfte, und er war sich, wie er gestand, darüber klar, daß er "etwas Besonderes" bieten müsse, wenn er sich aus der Schar der Mitbewerber herausheben und einen Vorsprung vor der Konkurrenz gewinnen wollte. Weiss, ein gebürtiger Ungar, dem die Pfiffigkeit im Gesicht geschrieben steht, war von vornherein nicht gewillt, sich an die Gepflogenheiten seiner Branche zu halten, vor allem, was die Kalkulation anging.