Wer in den letzten Wochen einen Blick auf die sogenannten Nebenwerte des deutschen Aktienmarktes geworfen hat, wird erstaunliche Veränderungen festgestellt haben. Und zwar hauptsächlich bei solchen Papieren, deren Kurse entweder unter 100 Prozent (pari) oder nur wenig darüber notierten. Ein sicheres Indiz dafür, daß die Börsenspekulation am Werke ist. Der eigentliche Aktiensparer ist "billigen" Papieren gegenüber mißtrauisch, denn selbstverständlich werden sie nicht ohne Grund so niedrig gehandelt. Meist haben sie kleine oder große Schönheitsfehler!

Spekulationspapiere Nr. 1 sind immer noch die Erdöl- und Erdgaswerte. Vor allem Dt. Erdöl (268 Prozent), Gelsenkirchener Bergwerks-AG (271 Prozent) und im gewissen Umfang auch Preussag (320 Prozent). Die Kurse erfordern – verglichen zu den Papieren der Großchemie oder Banken – nur einen relativ geringen Kapitaleinsatz; sie erleichtern damit die Börsenspekulation. Nach konservativen Anlagemaßstäben sind die Kurse der genannten Papiere überhöht. In ihnen kommen bereits die Gewinne zum Ausdruck, die man in einigen Jahren aus der Erdgasblase zu erzielen hofft, deren Suche in der Nordsee noch im Gange ist. Natürlich kennt man an der Börse die Bedenken gegen die jetzt erreichten Kurse. Aber es wird trotzdem fest damit gerechnet, daß die Nachricht vom ersten wirklichen Bohrerfolg in der Nordsee die Kurse der Erdölwerte noch einmal kräftig in die Höhe treiben wird. Das wäre dann der Zeitpunkt zum Aussteigen für jene, die sich in den letzten Tagen kräftig mit diesen Papieren eingedeckt haben.

Auch bei den Eisen- und Stahlaktien geht ein großer Teil der beträchtlichen Umsätze auf spekulative Motive zurück. Hier wird der Handel ebenfalls durch vergleichsweise niedrige Kurse erleichtert. Die Gefahren der Montanspekulation erscheinen jedoch gering, weil die Kurse bis auf zwei Ausnahmen durch Dividenden abgestützt werden. Jedoch nicht bei der Dortmund-Hörder-Hüttenunion (115 Prozent) und bei der Ilseder Hütte (134 Prozent). Beide Gesellschaften mußten ihre Dividenden ausfallen lassen und bei beiden Unternehmen ist noch nicht sicher, ob sie die Ausschüttungen für das laufende Jahr wiederaufnehmen werden. Dennoch ließ sich mit der Aktie der Ilseder Hütte in diesem Jahr viel Geld verdienen. Ende 1963 wurde dieses Papier noch mit 99 Prozent notiert. Andeutungen auf der letzten Hauptversammlung über eine mögliche Wiederaufnahme der Dividendenzahlungen sowie über ein Bezugsrecht haben umfangreiche Käufe in diesem Papier ausgelöst. Die Gesellschaft muß so bald wie möglich ihr Kapital erhöhen; sie kann das nur, wenn sie eine "anständige" Dividende zahlt. In Börsenkreisen meint man, daß sie mindestens bei acht Prozent liegen müßte, auch wenn der Ertrag eine solche Ausschüttung nicht erlauben würde.

Die Dortmund-Hörder Hüttenunion hat keine Kapitalerhöhungspläne. Sie muß im laufenden Jahr noch einen Bilanzverlust von 34 Millionen Mark tilgen. Die Börse hält dies auf Grund der besseren Beschäftigungslage im Eisen- und Stahlbereich für möglich. Im stillen macht man sich sogar bescheidene Dividendenhoffnungen. Das ist der Grund, warum sich die Spekulation immer wieder für dieses Papier interessiert.

Zu den "interessanten" Montanpapieren zählen weiter Hoesch und die Aktien des Hüttenwerks Oberhausen. Beiden Gesellschaften wird nachgesagt, daß sie die Möglichkeit einer Wandelanleihe ins Auge gefaßt haben. Ob das ein Hausse-Moment sein wird, stellt sich erst heraus, wenn die Konditionen bekannt sind. In Expertenkreisen ist man der Meinung, daß Montangesellschaften bei Wandelemissionen mehr bieten müssen, als dies Siemens und BASF in diesem Jahr getan haben. Bei BASF war das Wandelbezugsrecht nicht einmal einen Punkt wert. Aber die Inhaber der BASF-Wandelanleihe sind bisher ausgezeichnet gefahren. Kursmäßig sogar besser als die BASF-Aktionäre. Die BASF-Wandelanleihe ist auf 108 Prozent gestiegen. Die Emission gilt nunmehr als gut placiert, auch zu den gestiegenen Kursen ist das Angebot gering.

Bis zur nächsten Woche! Ihr Securius