Der Verwechslung eines Briefkastens, so ließ der stellvertretende Bundespressechef Krüger verlauten, haben wir es zu "verdanken", daß der neueste Maßhalte-Appell im Bulletin der Bundesregierung Verbreitung fand. Eigentlich war das Elaborat, das in verquollenem Deutsch empfiehlt, zur Rettung der Mark weniger Tonbandgeräte zu kaufen und seltener nach Italien zu fahren, gar nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Der Artikel würde auch kein Wort verdienen, wenn die Panne nicht symptomatisch wäre für die "Konjunkturpolitik", zu der sich viele Leute neuerdings verpflichtet fühlen.

Von bedrohlichen Gefahren zu sprechen, ist nachgerade Mode geworden. Ernst zu nehmende Organisationen wie die Gemeinschaft zum Schutz der Sparer zerstreiten sich sogar wegen der Forderung nach einer neuen Aufwertung der Mark, obwohl inzwischen sogar die meisten Befürworter der Aufwertung von 1961 zugeben, daß eine solche Maßnahme heute mehr Schaden als Nutzen stiften müßte. Wenn wir all den Kassandra-Rufen, die seit Monaten landauf, landab erklingen, Glauben schenken würden, dann müßte die deutsche Wirtschaft kurz vor einer lebensbedrohenden Krise stehen – einer importierten Inflation als Folge des Exportbooms.

Gegenüber diesen Ängsten sind nun wirklich ein paar nüchterne Feststellungen angebracht. Zunächst einmal: die Bundesrepublik ist immer noch eine Insel der Preisstabilität. Die Lebenshaltungskosten liegen um knapp 2,5 Prozent höher als vor Jahresfrist, haben sich also keineswegs schneller erhöht als im Durchschnitt der Zeit seit der Währungsreform. An dieser Steigerung ist die Hochkonjunktur in der Industrie nur in bescheidenem Maß schuld: die industriellen Erzeugerpreise haben sich gegenüber 1963 nur um 1,3 Prozent erhöht. Und die Spareinlagen erreichen Monat für Monat neue Rekordhöhen. Kein Wunder also, daß ein besonnener Mann wie Präsident Schneider vom Deutschen Industrie- und Handelstag vor jeder "Inflationshysterie" in der Bundesrepublik gewarnt hat.

Die Pessimisten werden nun entgegnen, die Gegenwart beweise gar nichts, allein die Zukunft entscheide. Die Krise mit ihren gefährlichen Preissteigerungen werde erst im Herbst beginnen. Nun, auch für die überschaubare Zukunft scheinen die Gefahren wesentlich geringer als noch vor wenigen Wochen vermutet worden war. Das IFO-Institut Wirtschaftsforschung hat soeben in seinem neuesten Konjunkturbericht erklärt: die Flut der Exportaufträge flaut ab, der Bauboom läßt etwas nach – kurz wir haben eine gute, aber "differenzierte" Konjunktur. Tatsächlich war der Exportüberschuß im Juli mit 226 Millionen Mark um über 100 Millionen Mark geringer als im gleichen Vorjahresmonat.

Das sind die Tatsachen: Bis jetzt gibt es keine Krise. Und wir sollten sie auch nicht herbeireden. Diether Stolze