Von Johannes Jacobi

Sommerliche Festspiele haben Kunst zum Gegenstand; sie lassen aber auch eine besondere Form von Geselligkeit entstehen. Wer über Festspiele nur als "Seuche" zetert, wird der Sache nicht gerecht. Sicherlich ist sie auch eine Folge des Massentourismus’, und Städte, die über eine Ruine, eine Burg, ein schönes, altes Schloß, vielleicht sogar über künstlerische Traditionen verfügen, versuchen, alles dies für den Fremdenverkehr zu nutzen. Theateraufführungen und Konzerte in Sälen oder unter freiem Himmel haben sich dabei als ein probates Mittel erwiesen, Ferienreisende anzulocken.

Im Grunde ist das ein unschuldiges, oft rührendes Unterfangen, sofern keine Hochstapelei im Spiele ist. Einen Schönheitsfehler allerdings weist diese kulturelle Regsamkeit zuweilen schon in ihrem Etikett auf: "Festspiele" können es in den seltensten Fällen sein. Eine natürliche Grenze für das Überhandnehmen von wirklichen Festspielen, ein Schutz gegen unwürdige Konkurrenz untereinander ist aber schon durch die Zahl der verfügbaren Künstler gegeben; außerdem gibt’s tatsächlich noch Künstler, die im Sommer Ferien machen.

Beim Betrachten einiger traditioneller und neuer Festspiele wird bald deutlich: Die Art, wie Gesellschaft als Geselligkeit bei Festspielen in Erscheinung tritt, wandelt sich.

Die deutschen Urfestspiele sind die "Bayreuther Bühnenfestspiele" (man beachte den offiziellen, alten, heute nicht mehr gebräuchlichen Titel "Bühnenfestspiele"). Als Richard Wagner im Jahre 1876 sein eigenes Theater auf dem Grünen Hügel vor Bayreuth eröffnete, da schwebte ihm eine romantische Vision von antiker Erlebnisgemeinschaft vor. Wagner hatte Jahre des Exils in der Schweiz zugebracht, wo es eine in Deutschland fast unbekannte Festspieltradition gibt. Ihr Kennzeichen ist eine Mischung aus Laienspiel und Volksfest, wofür besondere Zelte und Bühnen errichtet wurden. Dagegen grenzte Wagner seine Neuschöpfung deutlich als "Bühnenfestspiele" ab: Er etablierte Berufstheater mit höchstem Kunstanspruch.

Als Folge stellte sich eine einzigartige Form von Gesellschaft ein. Das Festspielhaus, wie es heute noch steht, ist ein Amphitheater. Auf seinen Rohrstühlen sollte jedermann gleichberechtigt sein. Jeder Platz kostete denselben Preis (bis die Wagner-Enkel nach 1951 die Ungleichheit einführten). Man spürt in dieser Bauidee noch den Dresdner Revolutionär von 1849; am liebsten hätte Richard Wagner die Eintrittskarten an Würdige – verschenkt. Mit eines Königs Hilfe wurde zwar das provisorische Festspielhaus, das ein endgültiges geworden ist, errichtet. Doch der Besuch war von jeher mit viel Geld verbunden, und so nahmen denn auf den Klappsitzen mit Rohrgeflecht, die nicht einmal Armlehnen haben, vorwiegend Damen und Herren der aristokratischen und der großbürgerlichen Gesellschaft Platz.

Was sich seit dem Juli 1876 bis heute an Festspieltagen, wenn um 15 Uhr "die Auffahrt" zum Grünen Hügel beginnt, als gesellschaftliches Bild darbietet, ist ein Jux für Spötter. Solange Richard Wagner lebte, waren buchstäblich Kaiser und Könige die Gäste seiner "Bühnenfestspiele". Sie gaben den gesellschaftlichen Ton an, und also "trug" man sich so, wie man damals zu Galavorstellungen in die Oper ging. Auch Cosima Wagner, der es zu danken ist, daß nach dem Tode des "Meisters" die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth weiterlebten, hielt streng auf Etikette. Als später die Bühnenszene unter Heinz Tietjen und Emil Preetorius "entrümpelt" wurde, da wechselte Hitler immer noch, je nach Werk und Wetter, seinen Festspielanzug peinlich genau zwischen Frack, schwarzem und weißem Smoking. Seine Kleidervorschrift wurde jeweils als Tageslosung an die NS-Paladine weitergegeben. Aber auch nach 1951, als Wieland und Wolf gang, die Enkelsöhne Richard Wagners, Bayreuths längst "entrümpelte" Bühne zur Experimentierwerkstatt kahl geschlagen hatten, da erschien der treueste Wagner-Paladin der Bundesregierung, Minister Seebohm, bei strahlender Nachmittagssonne ganz "korrekt" in Abendgala.