Uwe Nettelbeck: "Leben und sterben lassen", ZEIT Nr. 34

Die Bemerkungen ihres Kritikers zum Tode meines langjährigen Bekannten, Ian Fleming (nur wenige Tage nach seinem Tode), scheinen mir von mehr als fragwürdigem Geschmack zu zeugen. Wenn irgend etwas Neues oder Originelles gesagt oder wenigstens einige persönliche Bemerkungen gemacht worden wären, die die Verachtung und die intellektuelle Arroganz in diesem Urteil abgemildert hätten, dann wäre an diesem Artikel vielleicht irgend etwas drangewesen.

Alles, was der arme Ian wollte, war, die Leute zu amüsieren und Geld zu verdienen, und er hat in beidem Erfolg gehabt. Keines dieser beiden Ziele verrät gehobene Ambitionen, aber auch keins ist vollständig verachtenswert. Er verstand nicht, warum die Kritiker sich plötzlich gegen ihn wandten. Er war zugleich erstaunt und verletzt von der Verachtung, mit der ihm jene begegneten, die sich ihm intellektuell überlegen dünkten. Was ihn aber vor allem erstaunte, war, daß Kritiker, die sich selber ernst nahmen, entweder seine Bücher oder James Bond ernst nahmen. Tatsächlich sagte die Kritik, damals wie heute, dem Leser mehr über den Kritiker als über Flemings Bücher, die nichts anderes sind als eine moderne Form der traditionsreichen Abenteuergeschichten. Literarisch oder als soziale Aussage sind sie nicht bedeutungsvoller als es Old Shatterhand zu seiner Zeit war.

Da Ihr Kritiker einen so verallgemeinernden und wenig feinen Kommentar geschrieben hat, möchte ich nun meinen Grundsatz brechen, niemals verallgemeinernd über Deutschland oder die Deutschen zu sprechen. Die Bond-Geschichten werden in Deutschland schlecht oder gar nicht verkauft. Leute, die etwas von Büchern verstehen und Deutschland nicht gerade lieben, haben mir gesagt, der Grund sei, daß die deutsche Öffentlichkeit diese vergleichsweise harmlosen, gewalttätigen und aggressiven Phantasien nicht braucht und sie tatsächlich unschön findet. Vor nur zwanzig Jahren verwirklichte die deutsche Gesellschaft ihre grausamen Phantasien und weiß deshalb aus Erfahrung sehr viel mehr darüber als Fleming. Bond muß gegenüber den Menschen, die jetzt in Frankfurt und München vor Gericht stehen, unwirklich und harmlos erscheinen.

Sarah Gainham,

Deutschland-Korrespondentin des Spectator, London.