heute an dem intensiven Ringen der beiden Metropolen des Kommunismus um die Neutralen in Asien, Afrika und Lateinamerika deutlich. Daß nun schließlich aus dem Block Dualismus wieder ein Pluralismus geworden ist, führt Mohler auf die Chinesen zurück. Er sagt: "Den Anstoß gab die rotchinesische Emanzipation von der sowjetrussischen Bevormundung, die mit dem XX. Parteikongreß m Moskau, vom Februar 1956 der Welt erstmals zum Bewußtsein kam In dieser Feststellung stecken, soweit ich sehe, gleich zwei Irrtümer. Nicht die Rotchinesen emanzipierten sich von der sowjetischen Bevormundung, sondern die Sowjets distanzierten sich von Peking, und dies kam der Welt keineswegs im Februar 1956 zum Bewußtsein, sondern es zeichnete sich, und zwar auch nur für einige Sowjetspezialisten, zum erstenmal bei den Feierlichkeiten anläßlich Lenins 90. Geburtstag im April 1960 in_Moskau ab. Erst aus den chinesischen Veröffentlichungen des Jahres 1963 geht hervor, daß längst, ehe irgend jemand dies bemerkt hatte, der Streit zwischen Moskau und Peking schon 1956 begonnen hatte.

Raymond Aron, der bedeutendste französische Publizist, bestätigt dies und schreibt dann: "Im Jahre 1958 befürchteten ihrerseits die Kremlführer, durch die Unvorsichtigkeit der Chinesen in eine Waffenauseinandersetzung mit den USA hineingerissen zu werden. Darum kündigten sie 1959 den Pakt, mit dem sie den Chinesen eine atomare Unterstützung versprochen hatten. 1960 verließen die russischen Techniker das Reich der Mitte. 1963 war der Streit nicht länger zu vertuschen, die Polemik wurde in aller Öffentlichkeit fortgesetzt Es waren also nicht die Chinesen, die den Anstoß zum Polyzentrismus gaben, und dies ist wichtig festzuhalten, weil die Überschätzung der Chinesen Mohler auch im weiteren Verlauf seiner Argumentation zu Fehlschlüssen verleitet.

Richtig ist hingegen, daß hinsichtlich der Geburtsstunde des Polyzentrismus der XX. Parteitag in der Tat die entscheidende Rolle gespielt hat. Denn es war die dort begonnene Entstalinisierung, die den "polnischen Frühling" ermöglichte und die wenig später der Anlaß zu dem ungarischen Aufstand im Herbst 1956 wurde. Ist in gaullistischer Sicht zunächst der BlöckeDualismus überzeichnet worden, so wird, scheint mir, in der Folge die Bedeutung des Polyzentrismus von Mohler überschätzt. Die Vielfältigkeit und Unberechenbarkeit des neuen Pluralismus ist wahrscheinlich längst nicht so groß, wie er offenbar meint. Denn die Rivalität der beiden Ideologien ist ja geblieben und wird voraussichtlich auch weiter bleiben. Bis die beiden verschiedenen Gesellschaftssysteme sich einmal auf gleicher Spurweite treffen, wird — wenn dies überhaupt je geschieht — noch viel Zeit vergehen. Die Rumänen setzen zwar alles daran, aus dem Westen Hilfe für ihr nationales Wirtschaftsprogramm zu bekommen, aber sie lehnten dankend ab, als Paris ihnen die Errichtung eines Kulturinstituts in Bukarest anbot. Man möchte Handel treiben, um das eigene Gesellschaftssystem zu stärken. Vielleicht müßte man in diesem Sinne von einem Polyzentrismus im bipolaren Sysfem sprechen.

Weder läßt die neue Phase unbegrenzte Möglichkeiten zu, noch war die vorangegangene ganz so stereotyp, wie Mohler sie zeichnet. Es stimmt beispielsweise nicht, daß es bisher keinerlei politische Entscheidung gab, nicht zuletzt, weil die kleinen Mächte diese an die Großen delegieren mußten. Daß die Bundesrepublik sich zur Integration mit dem Westen entschloß, statt sich mit der Hoffnung auf Wiedervereinigung zur Neutralität zu bekennen, das war gewiß keine kleine Entscheidung. Es war im Gegenteil erstaunlich, wiviel Rücksicht der eine Große auf Bonn, der andere auf Ulbricht und beide zusammen auf die Neutralen nahmen.

Sicherlich trifft es zu, daß die Einfügung in das amerikanische Interessensystem den Wiederaufstieg der Bundesrepublik erst ermöglicht hat — übrigens nicht nur unseren Aufstieg, auch den Frankreichs, das bis 1955 immerhin 20 Milliarden DM an amerikanischer Hilfe erhalten hat. Unverständlich hingegen erscheint die Bemerkung "Heute trägt genau dieselbe Politik dem deutschen Kanzler Fußtritte ein Es ist belustigend zu sehen, wie die deutschen Gaullisten bemüht sind, amerikanische Fußtritte zu erfinden, um die von ihnen gepriesene Weltanschauung attraktiver erscheinen zu lassen.

Ja, und dann die Geschichte mit den Sachzwängen. Ich weiß nicht, was Mohler eigentlich warten", sondern wir tun dies, weil es uns aus moralischen Gründen notwendig erscheint. Nicht nur vor der Welt, sondern vor allem vor uns selbst. Auch dann, wenn wir damit vorübergehend unseren Gegnern "Munition" liefern. Doch noch einmal zurück zu den Entscheidungen der "Realpolitik". Mohler meint, de Gaulle werde vorgeworfen, daß er an der Wandlung der Welt, die nun wieder alle zu Entscheidungen zwingt, schuld sei. Dabei habe der General doch nur als erster die praktischen Konsequenzen aus jenem Wandel gezogen. Als erster? Nein, als erster hatte Präsident Kennedy die veränderte Weltsituation erkannt und entsprechend gehandelt Übrigens stieß er damals mit diesem Versuch, Konsequenzen zu ziehen, auf de Gaulles erbitterten Widerstand. Zwischen 1960 und 1963 hat der französische Staatschef jede direkte Fühlungnahme mit Chruschtschow verhindert, mit der Begründung, es sei ganz zwecklos, mit den Kommunisten zu verhandeln.

Als Kennedy vor zwei Jahren im Juli 1962 in Philadelphia die große Rede hielt, mit der er sein Grand Design entwarf, da schlug er den selbstbewußt gewordenen, nach mehr Unabhängigkeit strebenden europäischen Satelliten Partnerschaft vor. Kennedy also zog aus dem neuen Polyzentrismus die Konsequenz, man müsse die Allianz der Gesinnungsgenossen stärken, sie in eine echte Partnerschaft umwandeln, während de Gaulle zunächst einmal an den nationalen Nutzen dachte und denkt.