Die ersten sechs Thesen betreffen das Grundsätzliche. Sie suchen zu zeigen, warum Sätze, die vor zehn Jahren richtig waren, es heute nicht mehr sind. Daß die Struktur der Weltpolitik sich in den letzten zehn Jahren von Grund auf geändert hat, ist zwar längst ein Gemeinplatz geworden. Aber auch wer vom neuen Zustand des "Polyzentrismus" oder "Pluralismus" spricht, bleibt oft noch an Vorstellungen und an ein Vokabular gekettet, die einer (heute) überholten Weltlage entsprechen.

1. Der Gaullismus ist die Antwort auf die Herausforderung einer wieder pluralistisch gewordenen Welt

Die meisten politischen Anschauungen und Überzeugungen, die man heute zu hören bekommt, hängen in der Luft, weil sie dem Zustand der Welt vor einem Jahrzehnt abgewonnen sind. Damals hatte sich ein Ausnahmezustand herausgebildet, den es in Friedenszeiten sonst während der ganzen Neuzeit nie gegeben hat: die Welt war damals in zwei in sich homogene und einander feindlich gegenüberstehende Hälften gespalten. Der ungeheure Druck, den dieses Stirn-an-Stirn-Stehen der beiden Blöcke, die Konzentration aller politischen Energien auf diese eine kurze Bahn hervorriefen, prägte auch ein politisches Bewußtsein von besonderer Eindringlichkeit. Es schien nur noch zwei Möglichkeiten der Politik zu geben: entweder schlossen sich die beiden Kolosse zusammen oder sie sprengten sich in die Luft. Entweder Weltstaat oder Weltuntergang schien die Alternative zu sein; schon die Vorstellung, daß sich der Status quo dieses "Blöcke-Dualismus" auf längere Zeit durchhalten ließe, fiel schwer.

Es fand jedoch etwas statt, was nur sehr wenige vorausgeahnt hatten: der Blöcke-Dualismus, der zwischen März 1947 (Verkündung der Truman-Doktrin) und April 1955 (Bandung-Konferenz) seinen Höhepunkt erreicht hatte, wurde wieder in der Richtung einer neuen Vielheit aufgelockert. Den Anstoß dazu gab die rotchinesische Emanzipation von der sowjetrussischen Bevormundung, die mit dem XX. Parteikongreß in Moskau vom Februar 1956 der Welt erstmals zu Bewußtsein kam. Damit lösten die Rotchinesen eine Kettenreaktion aus, in der wir noch mittendrin stehen.

Zu sagen, daß der Blöcke-Dualismus durch einen "Blöcke-Pluralismus" abgelöst worden sei, ist ungenau. (Ich habe mich dieser Ungenauigkeit in meinem Buch über "Die Fünfte Republik" selber schuldig gemacht.) Die USA und die UdSSR bleiben nach wie vor Kolosse, deren Potential das der andern weit überragt. Daneben gibt es "Kolosse in Potenz", die einmal ein vergleichbares Potential erreichen könnten: Rotchina (wenn dort die Industrialisierung gelingt) und Europa (wenn es sich einigt). Und weiter gibt es eine ganze Reihe von "mittleren Einheiten" – etwa Lateinamerika, der "schwache Riese" Indien, die arabische Welt, das Schwarze Afrika –, die allmählich eine eigene, von den Weltmächten (und auch von Rotchina) relativ unabhängige Politik zu betreiben beginnen. Der neue Zustand der Welt, auf den wir uns zubewegen und der in seinen Konsequenzen längst wirksam ist, ist also der eines Pluralismus verschieden großer Machtgebilde, die unabhängig von ihrem Potential wieder ein Eigengewicht bekommen. Was sind die Folgen dieses Pluralismus? Die eine ist sozusagen physikalischer Natur:

2. Es gibt wieder Spielraum auch für Mächte zweiter und dritter Ordnung

Der Blöcke-Dualismus ließ keinerlei Spielraum. Da es bloß zwei konkurrierende Mächte gab, war es auch beim letzten Fleckchen auf der Erde bedeutsam, zu welchem der beiden Lager es sich schlug: stand dort nicht die eine Weltmacht, so war anzunehmen, daß über kurz oder lang die andere in das Vakuum nachstoßen würde.