Von Haas Gresmann

Das Exekutionskommando stand schon bereit. Sterben sollte – es war im Jahre 1946 – ein vietnamesischer Trotzkist, den die vietnamesischen Kommunisten des todeswürdigen Verbrechens der "Abweichung" für schuldig befunden hatten. Der Verurteilte ließ an seinen alten Freund Ho Chi-Minh telegraphieren: er möge Gnade walten lassen. Ho antwortete, er kenne den Mann nicht. Aber kaum war das Urteil vollstreckt, beklagte er – und diesmal öffentlich – den Tod eines guten Freundes. Der für die Hinrichtung verantwortliche Offizier wurde versetzt.

In den Winkelzügen präzis kalkulierter Taktik, im Wechselspiel von asiatischer Verschlagenheit, ja skrupelloser Brutalität und der milden Weisheit des geliebten Landesvaters hat sich Ho Chi-Minh stets als ein souveräner Meister erwiesen. Der Herrscher über 17 Millionen Nordvietnamesen zählte nie zu jenen Politikern, die sich im grellen Licht der Publizität wohlfühlen; fast sein ganzes Leben lang hat er aus dem Dunkel, aus dem Untergrund gewirkt. Und auch in jenen zehn Jahren, da er nun unangefochten Führer eines kommunistischen Landes ist, hat er Glanz und Glorie der Repräsentation gemieden – er ist ein Politiker der unauffälligen, der leisen Aktion.

So war es denn nicht verwunderlich, daß nach dem selbstmörderischen Liliputangriff auf die amerikanischen Zerstörer im Golf von Tongking der Verdacht auftauchte, hier müsse Peking seine Hand im Spiele gehabt haben. Undenkbar, daß Ho Chi-Minh, der Vorsichtige, willens gewesen wäre, sich auf eine offene Konfrontation mit den Amerikanern einzulassen. An Geduld hat es ihm nie gefehlt; wie sollte er also jetzt, da seine Guerillas das chaotische Südvietnam ohnehin schon fast sicher im Griff haben, durch ein unbedachtes Abenteuer alles aufs Spiel setzen? In der Tat stellte sich dann ja heraus, daß die Torpedoattacken zwar nicht von Peking befohlen, wohl aber die Folge eines schieren Mißverständnisses waren: Hanoi hatte geglaubt, die Amerikaner leiteten den großen Schlag nach Norden ein.

Durch den Tongking-Zwischenfall war der Name Ho Chi-Minhs plötzlich wieder in die Schlagzeilen gerückt. Und wenn man seine politische Gestalt von 1954 mit der von 1964 vergleicht, dann enthüllen sich zugleich Triumph und Tragik dieses – außer Mao Tse-tung – gewiß bedeutendsten kommunistischen Führers Asiens. Sein großer Erfolg erweist sich dadurch, daß er heute sowenig wie damals freie Wahlen zu fürchten hat. Sein Regime ruht nicht auf den Bajonetten einer fremden Macht; er ist der erste Politiker eines früheren Kolonialgebietes, dem es gelungen ist, die nationalistischen Strömungen in einer eindeutig kommunistischen Regierung aufzufangen. Als Mao Tse-tung – 1945 – noch um die Macht in China kämpfte, hatte Ho schon die politische Führungsrolle in seinem Land übernommen.

Die Tragik dieses schmalen, fast zerbrechlich wirkenden Annamiten liegt indes darin, daß die Herrschaftsposition, die er sich selber errang, im Laufe der Jahre immer fragwürdiger wurde. Denn je mehr sich das kommunistische Regime im gigantischen Nachbarland China konsolidierte und je mehr – nach dem Bruch zwischen Peking und Moskau – die Möglichkeit einer Ausgleichs- oder Schaukelpolitik zwischen den roten Machtzentren schwand, um so stärker wirkte sich das Gesetz der Geographie aus. Und durch dieses Gesetz ist das schwache und arme Nordvietnam nun einmal an das mächtige China gebunden.

Diesen Zwang zu überwinden, wird Ho Chi-Minh nicht vermögen, er, der in seinem Leben durch Ausdauer, Geisteskraft, List und Entschlossenheit schon so viel zuwege gebracht hat. Wann dieses sein Leben überhaupt begann, ob vor 74, vor 73 oder vor 72 Jahren, steht freilich nicht genau fest. Man weiß nur, daß er als Sohn eines Provinzbeamten zur Welt kam, der ihm den Namen Tat-than gab, was soviel heißt wie: "Einer, der siegen wird". Der Sieg jedoch ließ noch lange auf sich warten. Er rückte erst näher, als Ho während des Zweiten Weltkrieges – eben aus qualvoller nationalchinesischer Kerkerhaft entlassen – seinen jetzigen Namen annahm, welcher zu deutsch bedeutet: "Der Mann, der vollkommene Erleuchtung erlangen wird."