J. S., Atlantic City, im August

In dem Riesenbau "Convention Hall" des Seebades Atlantic City, dem Schauplatz des demokratischen Parteikonvents, könnte der Kuhpalast von San Franzisko, die Tagungsstätte der Republikaner vor sechs Wochen, gut zweimal Platz finden. In San Franzisko setzte sich Barry Goldwater durch, als seine gut organisierte Anhängerschaft in der Partei die Minderheit niederwalzte; in Atlantic City konnte sich Lyndon Johnson wie ein Triumphator den Lorbeer der Kandidatur vom jubelnden Volk um das Haupt winden lassen. An der Westküste wurde die Strategie des totalen Sieges über den Kommunismus, die Offensive an allen Fronten des kalten Krieges gepredigt; in Atlantic City beherrschte das Motto "Besonnene Anwendung der Macht zur Erhaltung des Friedens" die Szenerie.

Dem Konvent der Demokraten fehlte das Salz der Kontroverse (wenn man von dem Streit mit einigen Südstaatendelegationen um die Behandlung der Rassenfrage absieht), doch auf der Suppe der Regierungspartei schwammen viele Fettaugen: Fast vier Jahre ununterbrochener Konjunktur, höhere Löhne und Gewinne als je zuvor, der Triumph Kennedys in der Kuba-Krise von 1962 und die gemessene Entschlossenheit Lyndon Johnsons im Golf von Tonking vor drei Wochen; vor allem aber: kein unnötiges Spiel mit dem Risiko, keine Delegation von Befugnissen über den Einsatz der Atomwaffen an militärische Befehlshaber.

Der Appell der Demokraten an das Sicherheitsbedürfnis der Amerikaner ist laut und unüberhörbar, und er wird wirkungsvoll ergänzt durch die Bilanz der seit 1960 vollzogenen Aufrüstung: Heute 16 Divisionen gegen elf vor vier Jahren, tausend Interkontinental- und Polarisraketen gegen hundert beim Amtsantritt Kennedys – und das Versprechen, die "überwältigende nukleare Vorherrschaft" der USA aufrechtzuerhalten.

Das außen- und militärpolitische Programm der Demokraten ist allerdings doch ein wenig von der Kritik Goldwaters beeinflußt worden. Jedenfalls versucht es sie abzufangen, wo sie auf den Wähler hätte Eindruck machen können. Das Programm hat einen leichten Trend von der Mitte nach rechts, es schlägt hier und da einen militanten Ton an, es spricht von der Defensive, in die der Kommunismus seit 1960 gedrängt worden sei. Aber es versichert, die Demokraten wollten kein überflüssiges Risiko heraufbeschwören – vielmehr die gewaltige Macht der USA nur mit überlegter Mäßigung ausspielen. Das Programm geht auf kein Detail in der Weltpolitik ein, die Demokraten begnügen sich, ganz allgemein die amerikanischen Verpflichtungen zur Sicherung der Freiheit "von Berlin bis Südvietnam" einzuhalten. Da ist kein Wort mehr von Wiedervereinigung in Deutschland oder sonstwo, kein Wort vom Kongo oder von Zypern. Johnson läßt sich die Hände frei, und er verlangt vom Volk am 3. November eine Blankovollmacht des Vertrauens.

Der Rivale Goldwater wird ignoriert oder, wie in der Programmrede des Senators Pastore zur Eröffnung des Kongresses, mit Verachtung, Ironie und beißender Kritik abgekanzelt. Die Demokraten sind sehr siegesgewiß. Seit Roosevelt hat diese Partei die Präsidentenwahlen mit Truman und Kennedy stets nur um Haaresbreite gewonnen. Johnson will einen Erdrutsch, er will zeigen, daß die Demokraten unter seiner Führung statt eines Sieges einen Triumph erringen können. Und darum verharrte er in den Tagen des Konvents von Atlantic City mit der Geste des weisen Triumphators in Washington – fern vom Schauplatz; darum hielt er wie das delphische Orakel seine Mitteilung über den von ihm gewünschten Kandidaten für die Vizepräsidentschaft bis zur letzten Minute in seiner Brust verborgen; darum wollte er erst am Donnerstag, dem Tag seines 56. Geburtstages, in die Arena des Seebades am Atlantik steigen. Er ist Präsident und er will es bleiben.

Im übrigen war in Atlantic City der Parteikonvent ganz auf Volksfest abgestimmt, auf Riesenpartys, Massenempfänge, auf gigantische Schaustellung der großen demokratischen Gesten die das ganze Volk umarmt. Eine Inspiration geht von diesem Konvent nicht aus, aber immerhin eine breite, lang dahinrollende Welle des Vertrauens und der Sattheit. Die "große Gesellschaft" wird verkündet, die "Great Society". Es ist eine Gesellschaft des proletarisierten Wohlstandes, eine Welt der Zufriedenheit des kleinen Mannes mit dem großen Auto. Es ist Amerika, das große Amerika, und Johnson ist sein Prophet.