Von Roman Braun

Andrej Wosnessenskij ist einer der originellsten, vielleicht der begabteste Lyriker der jungen sowjetischen Avantgarde. Sein Name fiel, im Rahmen der literaturpolitischen Auseinandersetzungen, auf dem Schriftstellerkongreß letzten Jahres; im Westen ist er eher als "Opfer" des neuen, härteren Kulturkurses und als Verfasser einer zurückhaltenden Selbstkritik bekannt geworden als durch seine Gedichte. Immerhin ist, in gewohnt niedriger Auflage, für dieses Jahr ein neuer Band mit Gedichten von ihm angekündigt, der zeigen wird, ob der "Dichter kapituliert" oder "gelernt" hat aus seinen "Fehlern" (FAZ).

Von Beruf Architekt, begann Wosnessenskij (Jahrgang 1933) relativ spät zu veröffentlichen – 1960 erschienen, nach einigen Gedichten in Zeitschriften, seine ersten Lyrikausgaben, zwei schmale Bände, die auf nuancierte Ablehnung stießen. Schwerverständliche Neologismen, Abstraktionismus, metaphorischer Irrationalismus wurden beanstandet, sofern man nicht gleich den "leeren Formalismus" bei der Hand hatte, ein Schlagwort, das im Grunde nicht mehr besagt, als daß die Funktionäre sowjetischer Bewußtseinsindustrie "fungible Seiten" in der Lyrik Wosnessenskijs vermissen. Tatsächlich sind seine Gedichte im orthodoxen Sinn ideologisch nicht ohne weiteres, nicht auf den ersten Blick verwertbar, und außerdem sind sie in ihrer dichterischen Form ungewohnt interessant.

Obwohl sprach- und verstechnisch dem "futuristischen" Experiment nicht abgeneigt, kann man Wosnessenskij nicht eigentlich mit Majakowskij, seine Gedichte nicht mit der "Poesie der Entpoetisierung" vergleichen. Bei aller formalen Kühnheit wirken sie zart und zerbrechlich. Sie erwecken nicht den Eindruck, als seien sie zum Vortrag im Sportpalast bestimmt. Das leidenschaftliche Propaganda-Pathos und die agitatorische Polemik der "Tribünenlyrik" fehlt ihnen. Die barocke Fülle ungewöhnlicher, komplizierter Metaphern, Wortspiele und überraschender Parallelen, das vielfach variierte Thema des Künstlers in seiner Zeit wie auch die Aufgabe, die Wosnessenskij der nachstalinistischen Literatur zuschreibt und der er seine Gedichte widmet, deuten darauf hin, daß er sich mehr als andere auf dem Weg zum "Dichter für Dichter" seiner Generation befindet.

Als seine reifste Arbeit wird von vielen das "Poem von der Dreieckigen Birne" angesehen; es verarbeitet seine auf einer Amerika-Reise gesammelten Erlebnisse. Im "Eingangsgedicht I", wo er sich, den Künstler, schwungvoll mit Kolumbus vergleicht, bedeutet er sein Programm: "... entdecke ich Amerika in Amerika, in mir – mich."

Was Wosnessenskij hinter den grandiosen und von der Atombombe bedrohten Fassaden der Zivilisation entdeckt, ist ein "Amerika 1961", ein Amerika von düsterer Natur, voll dunkler Symbole und apokalyptischer Anspielungen, voller Ängste und beklemmender Visionen. Automatisierung, maschinelle Perfektion, technischer Fortschritt imponieren Wosnessenskij. Es bleibt sein Zweifel an dem, der den Fortschritt bewohnt und bewohnen soll, am Menschen – in der UdSSR wie in den USA.

Wosnessenskijs Sehen und Denken sprengt ideologische Kategorien, es geht über herrschende Denkschemata hinaus. Seine Gedichte stehen paradigmatisch für das Weltbild seiner Generation, die – nach Hitler, nach Stalin – eine, die ganze Welt meint; einer Generation, die Grenzen zu überschreiten, zu durchbrechen sucht.