Georg Graf Széchenyi: Ungarn zwischen Rot und Rot, ein Bericht aus den Jahren 1944–1956; Biederstein Verlag, München; 184 Seiten, Paperback, 9,80 DM.

Im Jahre 1848 erhoben sich die Magyaren gegen die Habsburger Krone, um die nationale Selbständigkeit Ungarns durchzusetzen. In der vordersten Front der ungarischen Nationalisten stand Istvan Graf Széchenyi. Er setzte auf rechtliche und soziale Reformen und nicht auf die Revolution wie sein großer Gegenspieler Lajos Kossuth. Szechenyi unterlag. Dennoch ist er bis heute ein Symbol des ungarischen Freiheitswillens geblieben, wenigstens in konservativen Kreisen. – Vieles von den Ideen dieses Mannes spiegelt sich wider auf den Seiten des Buches, das ein Nachkomme des freiheitsliebenden Grafen geschrieben hat.

Georg Széchenyi berichtet über den Weg Ungarns vom Zweiten Weltkrieg bis zum Volksaufstand 1956. Der Autor hat in dieser Zeit niemals zu den Mächtigen gezählt; er war den Nationalsozialisten ebenso unbequem wie den Kommunisten. Wenn seinem Buch dennoch Verbitterung und Selbstgerechtigkeit wohltuend fremd sind, so beweist das die kritische Distanz, mit der Szechenyi sein Thema angepackt hat. Der Autor ist klug genug zu wissen, daß das Rezept seines prominenten Vorfahren hundert Jahre später nicht mehr ausreichen konnte. Und so prägt er das Bild eines neuen, zeitgemäßen Patrioten, der Nationalbewußtsein und sozialen Reformwillen vereinte, in der Gestalt von Imre Nagy.

Es ist von einem bemerkenswerten Reiz, wenn ein ungarischer Konservativer, der Szechenyi zweifellos ist, den Nationalkommunisten Nagy zu seinem Helden macht. Und es ist zugleich ein Eingeständnis der Schwäche der bürgerlichen demokratischen Kräfte Ungarns. Die Umstände allein erklären dieses Versagen nicht, auch wenn sie so ungünstig waren wie in Ungarn. Sicher, die Westmächte schoben das Land der Sowjetunion in die Arme, indem sie Horthys Bemühungen um einen Sonderfrieden zurückwiesen. Auch gab die Besetzung des Landes durch die Rote Armee der nicht eben starken Kommunistischen Partei eine entscheidende Rückendeckung. Aber das hätte nicht ausgereicht, Ungarn zu einem Satelliten zu machen: immerhin gewann die bürgerliche Kleine Landwirte-Partei im November 1945 eine starke Parlamentsmehrheit. Doch ihr fehlte eine kräftige Führerpersönlichkeit ebenso wie ein zielstrebiges Programm. Im Trüben dieser politischen Entwicklung fischten die Kommunisten.

Einen großen Teil der Schuld an diesem Dilemma schreibt Széchenyi schon dem Horthy-Regime zu. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, die zu innenpolitischen Reformen reichlich Gelegenheit gegeben hatte, vertiefte sich in Ungarn nur der Feudalismus. Im Volke griffen Unmut und Resignation immer weiter um sich. Es verwundert nicht, daß nach Kriegsende der Kommunismus zum Ventil der aufgestauten Unzufriedenheit werden konnte. Und es wurde ein Kommunismus übelster Sorte, der mit dem Namen Matyas Rakosis verbunden ist. Zu der Terrorherrschaft dieses vielleicht besten Stalinisten hat der Autor einige Erlebnisse beizusteuern, die auch heute noch beklemmend nachzulesen sind. Es war bezeichnend für die Schwäche der politischen Opposition, daß in dieser finsteren Zeit der stärkste Widerstand von der katholischen Kirche unter Kardinal Mindszenty ausging.

Einziger Hoffnungsschimmer blieben jene ungarischen Kommunisten wie Nagy und Kadar, die der "Moskowiter" Rakosi gleichfalls ins Gefängnis geworfen hatte. Ihre Stunde kam mit dem Tod Stalins. Mit reichlich viel Verehrung zeichnet Széchenyi das Bild von Imre Nagy. Väterlich und tolerant, mehr Ungar als Kommunist, wußte er die Masse des Volkes ohne Demagogie zu fesseln. Das fast unbegrenzte Vertrauen, das er bei seinen Landsleuten genoß brachte ihn geradezu automatisch an die Spitze des Volksaufstandes vom Oktober 1956. Auch Szechenyi weiß die Frage nicht zu beantworten, ob Nagy die Revolution willentlich betrieb oder ob er von den sich überstürzenden Ereignissen getrieben wurde.

Der einzige, der diese Frage vielleicht beantworten könnte, Janos Kadar, bleibt im Zwielicht. Széchenyi schildert ihn sehr abschätzig als einen unsteten, feigen und machthungrigen Charakter und gibt nicht viel auf jene, die vermuten, Kadar habe Schlimmeres verhüten wollen. Hier unterschätzt der Autor den Zwang der Umstände, den er zur Entschuldigung für das Versagen bürgerlicher Politiker gelegentlich bemüht. Denn der ungarische Volksaufstand zeigte nicht nur den Spielraum, sondern auch die Grenzen, die die Nachfolger Stalins der nationaler. Eigenständigkeit im Ostblock zugedacht hatten, Und vieles spricht dafür, daß die sowjetischer. Truppen auch ohne den Verrat Kadars eingegriffen hätten.