Von Gerhard Szczesny

Unter dem Titel "Des Meisters Worte und der Enkel Sinn" wurde in den letzten Nummern dieser Zeitung fünfmal das Werk Richard Wagners diskutiert, wie es in Bayreuth heute erscheint. Dabei wurde Ludwig Marcuses Wagner-Buch in einer Form erwähnt, die als persönliche Verunglimpfung des Autors mißverstanden werden konnte. Schon deswegen gehen wir dem Verleger des Buches gern diese Möglichkeit zu einer Erwiderung auf die Kritik.

Erlauben Sie mir bitte ein Nachwort zu Ihrer Wagner-Diskussion. In dem Beitrag von Johannes Jacobi ist gegen das in meinem Verlag erschienene Buch von Ludwig Marcuse, "Das denkwürdige Leben des Richard Wagner", in einer Art polemisiert worden, die wohl doch einer Korrektur bedarf. Jacobi erklärt (vorsichtshalber nicht mit seinen eigenen Worten), daß Marcuse als Autor jenes Buches ein "Spießbürger" ist, von dem "unsäglich Subalternen" und den "klebrigen Händen", die für ihn charakteristisch sein sollen, ganz zu schweigen.

Als ich die militante Biographie unter die ersten drei Bücher meines Verlages aufnahm (nicht als Drucker, sondern als Liebhaber), ahnte ich nicht, daß ich in die Hände der Musikkritiker fallen würde. Von Musik ist in dem Buch nämlich kaum die Rede, und auch der Titel macht keine derartige Versprechung. Ich wäre auf das Manuskript nicht so erpicht gewesen, hätte es sich um das "Privatleben" irgendeines Musikers gehandelt. Aber Richard Wagners "Privatleben" war eben nicht privat. Seine "Intimsphäre" wurde sehr öffentlich. Sein Leben drang auf vielen Kanälen in die Gefühls-, Willens- und Gedankenwelt des deutschen Bürgers. Kein Goethe und nicht einmal Nietzsche (da er es versäumt hat, Opern zu komponieren) ging so in die gesamtdeutsche Seele ein.

Ganz gewiß war Wagner in seinem Chauvinismus, in seiner Haßliebe gegen Frankreich (die nur durch eine Beschießung von Paris hätte gestillt werden können), in seiner teutonischen Religiosität, in seinem widerwärtigen Antisemitismus nicht irgendein Turnvater Jahn oder ein Rembrandt-Deutscher oder ein Paul de Lagarde oder gar ein Hofprediger Stöcker. Wagner war dank seinem Genie, aber vor allem dank der Popularität, die dieses Genie hervorrief, eine politische Kraft, im Vergleich zu der die Alldeutschen aller Generationen vor 1933 einflußlos gewesen sind. Er hat nicht so sehr seine Kunst als vielmehr den gewaltigen Ruhm, die sie ihm eintrug, in den Dienst jener Ideen gestellt, welche die Ereignisse der Jahre 1933 bis 1945 mit verursachten. In dem "Pamphlet" Marcuses wird mehr dargestellt als der Beginn eines aggressiven Rassismus. Es ist "Hitler in Wagner" (Thomas Mann) sichtbar gemacht geworden, das Faschistische in diesem ebenso rebellischen wie restaurativ gesonnenen, ebenso freiheits- wie geltungs- und machtsüchtigen Mann.

Marcuse hat wie ein Karikaturist mit energischen Strichen den einen Zug herausgearbeitet, den auch die Nach-Hitler-Deutschen durchaus nicht sehen wollen. Alles oder doch vieles andere ist in der Tat weggelassen. Im Sinne eines Historikers mag das "unsachlich" sein. Aber Marcuse ist kein Historiker, sondern ein engagierter Zeitkritiker; er hat keine feinsinnige Einfühlung ins Leben des Meisters geschrieben, sondern dessen "Denkwürdigkeiten" für uns scharf ins Licht gerückt. Die Musik ist ausgespart und steht ausdrücklich nicht zur Diskussion.

Eine solche Aussparung vorzunehmen ist nicht nur an und für sich ein legitimes Verfahren, sondern ein gutes Recht gerade des "Wagnerianers" Marcuse. Er lehnt die Gleichschaltung des Musikers mit der Vorform Hitlers ab, wie er es ablehnt, "Sein und Zeit", die Romane Hamsuns, die Gedichte Benns für nationalsozialistisch zu halten, weil diese Autoren Ja zu Hitler sagten.

Eine Diskussion darüber, ob Neu-Bayreuth zuviel entrümpelt hat, ob Wagner ein Beginn der neuen Musik ist, wieweit und warum Adorno sich von seinem Wagner-Buch distanziert hat, all dies ist für Kenner wichtig und interessant, solange diese Diskussion nicht dazu dient, den "Hitler in Wagner" zu verstecken und zu verdrängen. Die gar sehr Von-oben-herab-Formulierung Jacobis, daß mit den Bemerkungen Hans Mayers der präfaschistische Teil der Wagner-Diskussion hoffentlich liquidiert sei, müßte man komisch nennen, wenn sie nicht bezeichnend wäre für die Mentalität einer ganzen Gruppe von deutschen Nachkriegs-Intellektuellen. Sie spreizen sich in einem subtilen Kennertum und erzeugen einen ästhetizistischen Nebel, der ihnen jeden Blick dafür nimmt, daß die Dinge, die sie beschäftigen, nur flüchtige Arabesken jenes Prozesses unserer Geschichte sind, für den der Fall Wagner nach wie vor nicht ein musikologisches, sondern ein politisch-moralisches Problem ist.