Frau Ehrlich sitzt drucksend am Wohnzimmertisch, auf dem neben Papier und Bleistift das Werbeangebot eines holländischen Textilhändlers liegt. Sie bemüht sich eifrig, folgendes Preisrätsel zu lösen:

In dem grenznahen holländischen Städtchen kostet ein Nylon-Damenregenmantel 45 Mark, dazu kommen 10 Prozent Zoll und die Fahrtkosten von Köln hin und zurück, zusammen 52 Mark. Als Gratiszugabe gibt es eine Tasse Kaffee und (im Rahmen einer inzwischen zu Ende gegangenen Sonderaktion) ein vollständiges Mittagessen, bestehend aus Suppe, Wiener Schnitzel mit "Fritüren", Salat, Dessert und nochmals Kaffee, 1 Damenhose, die normalerweise im Laden ebenfalls 45 Mark kosten würde, und 1 Gutschein für kostenlose Änderung von Kleidungsstücken, wenn man nochmals nach Holland fahren würde. Für den Einkauf würde Frau Ehrlich insgesamt 9 Stunden brauchen. Preisfrage: Wie teuer wird der Mantel?

Die Antwort wird noch schwieriger, wenn Frau Ehrlich einkalkulieren könnte, was sie erst in dem holländischen Geschäft erfahren kann. Verzichtet sie nämlich auf die Gratishose, erhält sie auf den Mantel einen Preisnachlaß von 40 Prozent. Neue Rechnung: 45 Mark weniger 40 Prozent gleich 27 Mark, Zoll 2,70 Mark, Fahrtkosten 2,50 Mark, zusammen 32,20 Mark abzüglich der anderen Vergünstigungen. Wie teuer ist der Mantel dann?

Frau Ehrlich grübelt. Zum Vergleich zieht sie den Preis des gleichen Mantels im nahe ihrer Kölner Wohnung gelegenen Textil-Fachgeschäft heran: 25 DM, weitere Kosten: keine, zusätzliche Vergünstigungen irgendwelcher Art: keine, aufgewendete Arbeitszeit: eine halbe Stunde.

Frau Ehrlich ist eine preisbewußte Verbraudierin. Sie rechnet und rechnet. Erschwerend bei der Lösung ihres ganz privaten Preisrätsels fällt ins Gewicht, daß sie in Holland noch ein Pfund Butter – ein paar Groschen billiger als in der Bundesrepublik – ein paar Eier – einige Pfennige billiger – etwas Käse – wenig billiger – und etwas Obst – ein paar Groschen billiger – erstehen kann. Für diese Dinge allein würde sich die Hollandreise nicht lohnen. Aber die Schuhe, die sie einmal in Holland sah! Sie kamen ihr so preiswert vor. Jedoch: in der Kölner Innenstadt findet sie sehr ähnliche. Ihr Preis: um mehr als ein Drittel niedriger. Das erwartete Holland-Wunder wird für Frau Ehrlich zum großen Holland-Wundern. Nicht, daß sie sich betrogen fühlt – gewiß nicht! Textilien zumindest sind jenseits der niederländischen Grenze preiswert, ganz ohne Frage.

Frau Ehrlich wirft einen Blick auf die Werbepostkarte. Das abgebildete "Kleider-Magazin" wirkt auf dem Bild groß und stattlich. Zwei große, moderne Busse verdecken die ärmlichen Schaufenster. Das Haus ist groß, das Kleidermagazin klein und ebenerdig. Im provisorischen Büro hinter Kleiderständern steht der Geschäftsführer der Inhaberin. (Die Umwandlung der Einzelfirma in eine Aktiengesellschaft soll noch in diesem Jahr erfolgen.) Der Geschäftsführer klagt: "Ich darf nicht werben in der Bundesrepublik. Die deutschen Zeitungen drucken meine Anzeigen nicht, weil ich in Holland Geschäfte machen will mit Methoden, die in der Bundesrepublik verboten sind. Unlauterer Wettbewerb heißt dort das Stichwort."

In der Tat: Rabatte von mehr als drei Prozent und Zugaben von Wert sind in Deutschland seit mehr als 30 Jahren untersagt. Damals war es bei uns zu Auswüchsen gekommen. Niemand wußte, woran er preislich war. Preiswahrheit und Preisklarheit sollten durch Zugabeverordnung und Rabattgesetz wieder hergestellt, der Markt sollte wieder durchsichtiger, "transparenter" werden.