Dietrich Strothmann: "Wieviel Schuld trägt der Spießer?", ZEIT Nr. 34

Strothmann schlägt für meine "Kurzgeschichte deutscher Kleinbürgerideologie" die Kurzformel "Weimar ist Auschwitz" vor. Eine meiner Thesen (auch als Kapitelüberschrift) lautet: "Potsdam ist Weimar"; selbstverständlich ist damit, wie in dem Band ausführlich beschrieben wird, das pervertierte Weimar, das spießer-ideologisierte Weimar gemeint. In Aufklärung, Klassik und Romantik sehe ich höchst bedeutsame und ungemein wertvolle Manifestationen des deutschen Geistes, die dann freilich aufgegeben wurden: "Das nationale Unglück beruhte auf der Tatsache, daß die Elemente der deutschen Kultur (im besonderen eben der Klassik und Romantik) pervertiert, ver-kehrt, ins Gegenteil gekehrt und dabei nominal beibehalten wurden." (Vorwort.) In diesem Sinne steckt auch ein Stück Weimar in Auschwitz – "Hölderlin zwischen den Exekutionen", wie es Dietrich Strothmann einmal in der "Zeit" bei einem Bericht über NS-Verbrechen treffend formulierte.

Mein Pessimismus ist hinsichtlich der Geschichte des "offiziellen" deutschen "Geistes" in der Tat groß; die höchst bedeutsamen kulturellen Leistungen in Deutschland der letzten eineinhalb Jahrhunderte bestimmten m. E. die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit zumindest seit 1870 nicht mehr.

Ich vertrete kein monokausales Denken (wie z. B. Armin Mohler mir vorwarf und auch Strothmann vermutet). Ich bin zwar der Meinung (mit einer gewissen Einschränkung), daß angesichts der geistigen Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts eine Art Hitler in Deutschland kommen mußte. Aber ich sehe auch überall Scheidewege, Entscheidungsmöglichkeiten, die jedoch der "Spießer" (als anthropologischer Typenbegriff) nicht wahrhaben wollte oder vielleicht auch nicht wahrhaben konnte. Die Schuld trifft diejenigen, die geistiger Weichenstellung fähig waren und den Geist (den deutschen Geist) verrieten.

Dietrich Strothmann vermutet richtig: Nach meiner Meinung ist der Spießer-Typ gegenwärtig geblieben; es wird auf die Gegenkräfte einer rational-humanitären Erziehung, und Bildung ankommen, ob er eines Tages wieder die Macht ergreifen kann. Dr. Hermann Glaser, Rosstal