Seit über zwei Jahren wird nun zwischen Wien, München und Erlangen über die Zukunft der beiden ehemaligen Siemens-Töchter in Österreich, die wie ihre Stammhäuser als Siemens-Halske- und Siemens-Schuckert-Werke, jedoch in Form von Gesellschaften mbH firmieren, verhandelt. Um diese Verhandlungen ist in Österreich aus politischen Gründen viel Geheimnis gemacht worden. Praktisch sind sie gescheitert. Das deutsche Haus Siemens entzog den beiden verstaatlichten österreichischen Siemens-Firmen mit Wirkung vom 1. April 1965 das Recht, den traditionsreichen Firmennamen zu führen. Fortan werden sich die beiden Unternehmen "Wiener Schwachstrom"- bzw. "Wiener Starkstrom-Werke" nennen.

In Österreich wird diese Entscheidung allgemein nur als erster Schritt auf dem Wege zu einer endgültigen Trennung des deutschen Stammhauses von seinen bisherigen österreichischen Stützpunkten betrachtet. Sollte sich das bewahrheiten, würde nun also nachvollzogen, was sich zum ersten Male schon unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges abzuzeichnen begann. Damals fiel das deutsche Eigentum in Österreich als Kriegsbeute an die Alliierten. Um es zumindest im unentbehrlichen Bereich der Grundstoff- und Ausrüstungsindustrie der Beschlagnahme zu entziehen, schritt das österreichische Parlament im Jahre 1946 zur Verstaatlichung, von der auch die beiden Siemens-Betriebe erfaßt worden waren.

Es war ein Versuch mit untauglichen Mitteln, denn vor allem die Sowjets scherten sich nicht um den "Willen des österreichischen Volkes". Siemens-Schuckert wurde, mit Ausnahme der Zentrale, der sowjetischen USIA-Verwaltung eingegliedert; Siemens-Halske, in westlich-besetzten Gebieten angesiedelt, blieb verschont und wurde österreichischer Verwaltung unterstellt. Erst mit dem Staatsvertrag des Jahres 1955 wurden die Siemens-Betriebe wieder unter dem gemeinsamen Dach der verstaatlichten Industrie vereint. Die Verbindung mit dem Stammhaus in Deutschland blieb ihnen dank einer Vereinbarung vom gleichen Jahr erhalten; sie konnten als Generalvertretungen fungieren, behielten das Recht, Patente, Lizenzen und Forschungsergebnisse aus den deutschen Firmen zu verwerten und vermochten auch als Sublieferanten vom weltweiten Appeal des Namens Siemens zu profitieren.

Ansonsten teilten sie das wechselvolle Geschick der verstaatlichten Industrie, das ihnen zwar mit fast jeder neuen Nationalratswahl mannigfache Veränderungen der politischen Organisation, aber nur wenig oder nichts von dem brachte, was Betriebe zur Expansion gemeinhin brauchen, nämlich Kapitalzuschüsse des Eigentümers. Das war vor allem für die von den Sowjets ausgepowerten Siemens-Schuckert-Werke angesichts einer immer schärfer werdenden Konkurrenz im Schwermaschinengeschäft auf die Dauer zuwenig. Es ist daher auch kein Zufall, daß die Initiative für eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit dem deutschen Stammhaus vor zwei Jahren von der österreichischen Gesellschaft ausgegangen ist und nicht – wie Kommunisten und Sozialisten in schöner Übereinstimmung behaupten – von München bzw. Erlangen. Die Bereitschaft des Hauses Siemens dazu war vorhanden, freilich nur um den Preis eines bestimmenden Einflusses auf die Führung der beiden österreichischen Betriebe.

Und dieser Preis war es, um den zwei Jahre lang vergeblich verhandelt worden ist. Das deutsche Stammhaus war zwar mit der Absicht der Österreicher einverstanden, die beiden Siemens-Betriebe in eine "Wiener Starkstrom- und Schwachstromwerke Ges. m. b. H." zu fusionieren und diese von der gleichfalls verstaatlichten ELIN-Union AG und dem deutschen Haus gemeinsam betreiben zu lassen; während aber die Österreicher, in dem Falle hauptsächlich die für die Führung der verstaatlichten Industrie politisch zuständigen Sozialisten, den Deutschen zwar Sitze im Aufsichtsrat und die Geschäftsführung, jedoch nur 49 Prozent der Gesellschaftsanteile überlassen und 51 Prozent der ELIN-Union vorbehalten wollten, verlangten die Deutschen zur Geschäftsführung auch 51 Prozent der Anteile.

Das mochte zwar dem Staatsvertrag widersprechen, der es verbietet, ehemals deutsche Betriebe wieder ihren ursprünglichen Eigentümern zurückzugeben; doch scheint die Lage der beiden Unternehmen bereits so prekär gewesen zu sein, daß auch der sozialistische Sektionschef in der Verwaltung der verstaatlichen Industrie, Schopf, (er ist vor einiger Zeit verstorben) keinen anderen Weg mehr gesehen zu haben schien, als die Annahme der deutschen Vorschläge zur Diskussion zu stellen. Die Direktoren selbst, bürgerliche und sozialistische, waren immer für die Annahme dieses Vorschlages.

In diesem Punkte stießen die Fachleute freilich auf den Widerstand der Politiker; denn die Preisgabe von 51 Prozent der Gesellschaftsanteile aus einem verstaatlichten. Unternehmen bedeutete – so liest man es jedenfalls in Österreich – den Verzicht auf das Prinzip der Verstaatlichung. Dazu aber sind in Österreich weder die Sozialisten noch die in mancher Beziehung weniger dogmatisch festgelegten, aber unter dem Druck der Kommunisten stehenden Gewerkschaften schon reif.