Georg Weippert: Jenseits von Individualismus und Kollektivismus, Studien zum gegenwärtigen Zeitalter, Verlag Joachim Schilling, Düsseldorf, 332 Seiten, 22,– DM.

Autor ist einsichtig und nennt seine hier zusammengefaßten Arbeiten „Gelegenheitsarbeiten“. Unbefangen deckt er auch auf, daß der Verleger ihm nahesteht, er leistet also einen Freundschaftsdienst auf Gegenseitigkeit. Bleibt noch die Hoffnung des Autors, daß „trotz sehr verschiedener Thematik und trotz verschiedener Entstehungszeiten und Anlässe, sich doch so viel an Einheitlichkeit und innerem Zusammenhang finden lasse, daß sich wenigstens von dort her der Schritt in die weitere Öffentlichkeit rechtfertigt“. Der Fächer der Arbeiten reicht von dem titelgebenden Vortrag auf der Erlanger Universitätswoche 1949 über die Ideologien der „Kleinen Leute“ und des „Mannes auf der Straße“ bis hin zu einem Beitrag zur Soziologie der modernen Malerei. Dazwischen liegen noch Beiträge zur Soziologie der Jugend, des Dorfes, der Konsumgenossenschaften, der Technik, der Elite. Ein weiter Bogen über einem weiten Feld.

Daß der Autor mit leichter Penetranz konservativ ist, denkt und auch seine Soziologie so treibt, das stört nicht allzu sehr. Sein Konservatismus ist leicht zu beschreiben. Er hat mit der industriellen Gesellschaft einen eigentümlichen Frieden gemacht: Sie bedroht zwar den Menschen, aber so schlimm ist das nun wieder auch nicht. Letztlich ist es empfehlenswert, stets dafür zu plädieren, nicht so rasch die Wandlungen mitzumachen, ein bißchen zu bremsen, wenn der Autor einmal ganz optimistisch ist, dann werde eine „durchgehende Ethisierung“ (vorzugsweise der Wirtschaft) den „Traditionsbruch, der die moderne Welt zunehmend vom christlichen Mittelalter trennt, weitgehend aufheben“. Im Grunde weiß er, „daß konservative Lösungen in der industriellen Gesellschaft prinzipiell einen schlechten Stand haben“. In diesem Punkte sind die Hoffnungen des Autors auf Einheitlichkeit und inneren Zusammenhang nur voll zu bestätigen.

Die Kritik entzündet sich an seiner Beweisführung. Der Autor selbst entwertet schon im Vorwort seinen Titelbeitrag. Man müsse ihn „der Verblendung bezichtigen“, wenn man annehme, es sei das erreicht worden, was ihm „seinerzeit vorschwebte“, ihm, gemeinsam „mit mehreren Gleichstrebenden“. Nun, Weippert hat als Soziologe gesprochen, das ist sein Anspruch.

Der Soziologe hat aber nicht zu „streben“, sondern darzustellen, was ist, was weshalb kommen wird, weil er die jeweiligen Trends erforscht hat. Zugegeben, der Soziologe kann irren, nichts feit ihn davor. Aber das Wünschen und Erstreben muß er anderen überlassen, etwa Politikern und Pädagogen, „Grundintention“ hin, „Grundintention“ her, wo die Soziologie den Boden der „Faktologie“ verläßt und schließlich nur noch deutet, was einem persönlich einleuchtet und Spaß macht, dort beginnen – wie bei jedem Höhenflug – die Wolken. Aus solcher Soziologie wird rasch ein Objekt der Psychologie.

Wen wunderts dann, daß die Wortwahl, die Formulierung ebenfalls wolkig ist? „Der deutsche Mensch“ ist schon im Munde des Bundeskanzlers eine rührende Antiquität, was erst auf dem Rednerpodium einer Universität! Da wölkt es dann vor lauter Menschsein, personhaftem Leben, Personsphäre des Menschen oder Arteigenheit der Technik. Und da steht schließlich 1964 ungeniert der fatale Schlußsatz aus dem Jahre 1934: „Soll die nationale Erhebung zur höchsten Höhe auflaufen, soll das Letzmögliche errungen werden, sollen die Besten des Volkes, die Künder und Mittler des deutschen Geistes, die aus innerem Gebot und aus der Dichtigkeit des Gewissens Handelnden zur Herrschaft gelangen, so muß das Sein wieder zum Prinzip der Auswahl erhoben werden.“

„Einer Reihe glücklicher Umstände ist nun das Erscheinen dieses ersten Sammelbandes zu danken, dem weitere folgen sollen“, schreibt der Autor in seiner Einleitung. Nehmen wir’s als Warnung. Günther Wollny