em, Lindau

Rettet den Bodensee!“ hallt es von den Hängen der Alpen, des Schwarzwaldes und der All gäuer Berge. „Rettet den Bodensee“ heißt auch die neugegründete Arbeitsgemeinschaft unter Leitung des Konstanzer Arztes und Stadtrates Dr. Bundschuh. Sie kündigte einen Protestmarsch nach Bonn oder Stuttgart an, falls die badenwürttembergische Landesregierung im Tauziehen um die Pipeline von Genua nach Ingolstadt entlang dem Bregenzer Bodenseeufer klein beigeben will. Ministerpräsident Kiesinger und seine Mannen hängen zwar bereits am schwachen Ende, aber sie ziehen noch wacker mit.

Bundschuh hat den Fehdehandschuh angezogen, weil zwischen Vorarlbergs Festspielstadt und dem 1,8 Kilometer entferten Strandbad Lochau in einem eigens aufgeschütteten Damm vor dem alten Ufer in einer mit einem Stahlmantel umgebenen Rohrleitung das verderbende Rohöl hindurchgepumpt werden soll. Platzt das Rohr, so wird nicht nur die Trinkwasserversorgung von Lindau, St. Gallen und Friedrichshafen gefährdet. Unter Umständen muß dann auch den etwa sechzig anderen Gemeinden Bayerns, der Schweiz und Baden-Württembergs, die ihren Durst aus dem Bodensee stillen, der Hahn zugedreht werden. Sogar die Stuttgarter Landesregierung würde dann auf dem Trockenen sitzen, weil auch die Regierungsvilla Reitzenstein vom Bodenseewasser lebt.

Der Bodensee ist ein internationales Gewässer, und deshalb ist auch der Protest gegen die Bodensee-ölpipeline international. Der Fischereiverband Schwaben hat als erster nach Luft geschnappt und in Lindau gegen die Bodenseeöler protestiert. Auch der Internationale Bodensee-Fischwirtschaftsverband in Bregenz hat seine Netze ausgeworfen, um die Pipeliner abzufangen, ehe sie Unheil anrichten. Der Fischer und Steuerzahler Bilgeri aus Vorarlberg rechnete seiner Landesregierung sogar vor, daß sie regreßpflichtig sei, wenn das Öl aus der Bregenzer Leitung auf dem Bodensee davonschwimme. „Man müsse sich überlegen“, so meinte er, „was der sparsame Vorarlberger sage, wenn er jährlich 9 Milliarden Schilling Schadenausgleich blechen müßte.“ Der gute Mann wußte selbstverständlich nicht, daß die Ente Nationale Idrocarburi (ENI), die italienische Ölgesellschaft, für die Konzession der Pipelineverlegung den österreichischen Behörden ein paar Millionen Schilling zählt. Dies wußten die Heimatschützler und der Bund der Naturfreunde, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Landkreise von Lindau, von Konstanz, Tettnang und Stockach nicht, als sie in Protestschreiben gegen die Pipeline der ENI das Öl abzugraben versuchten.

Was wirklich geschehen war, deutete Bundschuh an, als er sagte, „daß das Vorarlberger Volk in gleicher Weise wie wir selbst von der ENI und deren Anhang gegen jede Regel der Demokratie überfahren und überrascht wurden“. Tatsächlich hatte die Landesregierung von Vorarlberg die Verlegung der Trasse schon vor zwei Jahren genehmigt. Auch vom bayerischen Wirtschaftsministerium war der Vertrag damals gebilligt worden. Und selbst der Stuttgarter Ministerialbürokratie soll nach der Aussage eines Vertreters der „Südpertrol AG“ in München, der deutschen Tochtergesellschaft der ENI, damals schon ein Plan mit der Pipelinetrasse vorgelegen haben. In Oberschwaben hatte man, wie ein Landrat berichtete, alle Bedenken gegen das Projekt sogar erst auf Veranlassung des Stuttgarter Innenministeriums aufgegeben. So wurden denn bereits auf einer fast 90 Kilometer langen Strecke in Baden-Württemberg zwischen Lindau und Ulm die Rohre verlegt.

Trotzdem erklärte der Innenminister des Südweststaates Anfang dieses Jahres in aller Unbekümmertheit, daß alles geschehen werde, damit keine vollendeten Tatsachen geschaffen würden. Der Stuttgarter Landesregierung sei bis Sommer 1962 nur bekannt gewesen, daß die Pipeline entlang der Bundesstraße 1, also etwa 50 Meter vom Bregenzer Bodenseeufer entfernt, verlegt werden solle. Man habe dann im Februar 1963 bei den Vorarlbergern angefragt und Bedenken angemeldet, weil die Pipeline in der Aufschüttung vor dem Ufer angeblich noch unterhalb des mittleren Wasserspiegels verlegt werden sollte. Und dann begann das Pfänderspiel um die Pipeline, die allein von der Stadt Lindau und auf einem vier Kilometer langen Stück im Kreis Biberach noch nicht verlegt werden darf. Während der Lindauer Baudirektor Beck nicht ohne Märtyrerstolz sagt: „Wir haben veranlaßt, daß die Sache ins Rollen gekommen ist“, macht sich Stuttgarts Innenminister Dr. Filbinger für die vier Kilometer im Kreis Biberach stark.

Der bayrische Wirtschaftsminister Dr. Schedl meinte noch vor der baden-württembergischen Landtagswahl im April lakonisch, es habe keinen Sinn, den starken Mann zu spielen und „herumzupoltern“. Er begleitete zwar seinen christlichen Parteigenossen Filbinger auf dem Canossagang nach Mailand zur ENI-Direktion, dämpfte aber die Hoffnungen aller Gutachtengläubigen, welche glaubten, daß acht Professoren ausradieren könnten, was der Vorarlberger Landeshauptmann unterschrieben hatte. Hauptmann Ilg hatte der österreichischen ENI-Tochter mit dem Beinamen „Rheinische Ölleitungs-Gesellschaft“ die Verlegung der Pipeline erlaubt, und dabei sollte es bleiben. Die Gutachter haben es nämlich inzwischen bestätigt, daß der stählerne Lindwurm nicht durch das Pfänder-Gebirge und nicht entlang der Bundesstraße in Bregenz, sondern eben nur, wie es auch der Kommissionsvorsitzende, Landesoberbaurat Waibel vom Amt der Vorarlberger Landesregierung, für richtig hielt, direkt am Wasser, allerdings in einem besonders durch Schieber gesicherten Stahlmantel, verlegt werden solle.