Erbärmlich der Künstler, der nie gescheitert ist. Denn nur dem kann es gelingen, nie die Latte abzureißen, der nie einen hohen Sprung wagt. Aber der Umstand allein, daß die Latte abgerissen wurde, beweist noch nichts — am wenigsten, daß jemand einen tatsächlich hohen Sprung versucht hat. So spricht auch die Niederlage eines Künstlers zunächst einmal weder gegen noch tiir ihn: Erst muß geklart werden, worauf sie zurückzuführen ist.

Worauf also ist es zurückzuführen, daß sich die neuen Bücher von zwei hervorragenden deutschen Schriftstellern der mittleren Generation — Heinrich Böll und Martin Waiser — als Fehlschläge erweisen? Die Frage scheint mir höchst wichtig. Nicht nur, weil es um Soll und Waiser geht, obwohl dies Anlaß genug wäre, sich mit den beiden nicht umfangreichen Veröffentlichungen genauer zu befassen. Aber es handelt sich zugleich um exemplarische Falle, die uns die Misere der deutschen Prosa von heute mit einer Deutlichkeit vergegenwärtigen, auf die wir gern verzichtet hätten. Es mag verwundern, daß hier Böll und Walscr zusammen genannt werden. Zwar stehen beide seit Jahren im Mittelpunkt des literarischen Lebens, doch auf verschiedenen Ebenen. Der eine verdankt seine Position großen Erfolgen, der andere eher vielbeachteten Mißerfolgen. Der eine kann auf seine Gemeinde stolz sein, der andere auf seine Feinde. Der eine verfügt, obwohl erst siebenundvierzig Jahre alt, bereits über ein Lebenswerk. Der andere steckt, obwohl schon siebenunddreißig Jahre alt, immer noch in seiner Frühperiode. Der eine ist ein umstrittener Klassiker geworden, der andere ein klassischer Anfänger Über Böll sagen die Skeptiker: Man weiß, womit bei ihm bestenfalls zu rechnen ist. Über Waiser sagen seine Anhänger: Man kann nie wissen, womit er aufwarten wird. In der Tat hat sich Waisers Talent in keinem seiner bisherigen Bücher voll entfaltet. Nur Ansätze wurden sichtbar, nur Möglichkeiten kündigten sich an — allerdings so außergewöhnliche, daß manche glaubten, gerade er sei berufen, den Roman unserer Tage zu schreiben. Sogar ein Nachschlagewerk (Franz Lennartz: "Deutsche Dichter und Schriftsteller unserer Zeit", neunte Auflage, 1963) hielt es für richtig, diese Hoffnung zu fixieren. Sie hatte ihre guten Gründe. Denn Waiser vermochte — vor allem in seinem Hauptwerk, der "Halbzeit" — miteinander zu vereinigen, was jüngere deutsche Romanciers meist nur getrennt bieten können: Sprachkunst mit Scharfsinn, Intuition mit Erkenntnisvermögen, Temperament mit Erfahrung, ursprüngliches episches Talent mit hoher analytischer Intelligenz. Indes fällt es schwer, die "Halbzeit", eine menschliche Komödie ohne Menschen, als Roman zu betrachten. Dieser gigantische Mikrokosmos scheint eher die mächtige und imponierende Fingerübung eines Erzählers zu sein, der verschiedene Ausdrucksmittel erproben wollte. Aber auf jeden Fall war die "Halbzeit" ein Versprechen. Hat es Waiser vorerst nicht eingelöst, weil er sich dem Drama zuwandte? Oder hat er sich vielleicht dem Drama zugewandt, weil er dieses Versprechen vorerst nicht einlösen konnte? Nach Waisers inzwischen entstandenen Bühnenstücken wurde rasch, vielleicht allzu rasch, befürchtet, wir hätten einen Erzähler verloren, ohne einen Dramatiker zu gewinnen. Dieser Sorge kann uns das neue Prosabuch nicht entheben — Der Titel läßt an Münchhauseniaden denken. Man erwartet zumindest Phantasie und kühne Einfalle. Aber ich glaube nicht, daß Phantasie Waisers stärkste Seite ist. Er versagt, wenn er sich um die Darstellung des Ungewöhnlichen bemüht. Und er bewährt sich als Dichter des Durchschnittlichen und Alltäglichen. Wenn er Originalität anstrebt, wirkt er banal. Wenn er der banalen Wirklichkeit gerecht wird, spürt man sofort seine Originalität. Waisers Effekte und Einfalle haben schon in seinen früheren Büchern manche Passage unerträglich gemacht. In den "Lügengeschichten" gibt es solche Einfalle auf jeder Seite, in jedem Absatz.

Der Ich Erzähler der ersten Geschichte berichtet, er sei "Begleiter eines völlig unbrauchbaren Riesen geworden", von dem es heißt: "Der gehört doch gar nicht hierher. Eigentlich gehört er in die Musik. Jawohl. Tief in die Musik gehört er. Aber wie ihn dorthin bringen?" Da es dem Ich Erzähler verständlicherweise nicht gelingt, den Riesen in die Musik zu bringen, möchte er ihn verkaufen. Doch keiner will ihn haben, da er nur weinen kann. Und damit kein Zweifel entsteht, daß jener hilflos weinende Riese die andere Seele in der Brust des Dichters ist, lesen wir: "Ich rede und er weint. Man steht um uns, herum, lacht gebuhiend, und bietet uns Getränke an. Es heißt, wir seien gern gesehen. Zweifellos, komisch sind wif. Aber man füychtet uns nicht " Es folgen noch sechs Druckseiten, denen man letztlich nur entnehmen kann, daß Waiser große Schwierigkeiten hatte, einen Schluß für diese Geschichte zu finden. Tatsächlich hat er keinen gefunden.

Die nächste Geschichte erzählt von einem Sensationsjournalisten, der "ein Meister des Brutalen" war und sich "mit Hilfe seines biegsamen, aber vergoldeten Waschedrahts" erhängt hat. In der Geschichte "Mitwirkung bei meinem Ende" wird die Begegnung mit einem mysteriösen Mann namens Mozart geschildert, der Zunge und Nasenspitze gegeneinander kreisen lassen kann. Wahrscheinlich hat die Geschichte einen Sinn, aber ich gebe zu, daß er mir nicht aufgegangen ist. Einfacher hat man es mit der Geschichte "Bolze :, ein Familienleben". Ein Arbeiter verprügelt allwöchentlich in Gegenwart vieler Menschen seine schöne Frau: "Wofür er seine Ftau bestraft, geht uns einfach nichts an. Wir sind bei Bolzer am Zaun und nicht im Kino Am Ende heißt es: "Solange Bolzers einander verprügeln, sind sie gewiß attraktiv Eine Pointe ist nicht zu finden. Die Geschichte "Rohrzucker" enthalt die groteske Vision einer Beerdigung "Melitta, grinst und legt ihre älteste Brust auf den Sargrand " An einer anderen Stelle: "Einer streicht sich mit wendiger Zunge den Rotz unter der Nase weg und in den Mund Oder: "Melitta hegt mit einem asthmatischen Feuerwehrmann vor Marmor und isländisch Moos " Die nächste Geschichte, in der es um einen Mord geht, war wohl als schwarzer Humor gedacht. Hier die Schilderung eines Bahnhofsplatzes: "Zu allem Unglück erinnerten mich die überall an Hügeln hoch und übereinander getürmten Hauserquader an Babylon, wie es m einem von Hitze, Purpur, Frauen und Innenliofen erzahlenden Roman abgebildet war In welcher Stadt mag wohl dieser babylonisch anmutende Bahnhofsplatz zu finden sein? Wohl dem, der es erraten kann. Denn Stuttgart ist gemeint.

Ob pseudopoetisches Märchen oder realistische Zeitkritik oder surrealistische Parabel — es bleibt stets der Eindruck mühseliger Erfindung. Von der psychologischen Finesse, der stilistischen Biegsamkeit, der minuziösen Beobachtung, der Intelligenz der Reflexionen und der realistischen Kleinmalerei, durch die sich die "Ehen in Philippsburg" und die "Halbzeit" auszeichneten, ist in den "Lügengeschichten" nicht einmal eine Spur vorhanden.

Gewiß, wir haben es diesmal — leider — mit ganz anderer Prosa zu tun. Aber auch der sich aufdrängende Vergleich mit Waisers Erstling aus dem Jahre 1955, dem Geschichtenband "Ein Flugzeug über dem Haus", fällt entschieden zuungunsten des neuen Buches aus. Mag damals die Abhängigkeit des Autors von Kafka allzu deutlich sichtbar gewesen sein — für die besten Stücke des Bandes war doch jene zwingende Schlüssigkeit der Bilder und Symbole und jene Suggestivkraft der parabolischen Elemente charakteristisch, die man jetzt vermissen muß.

In einem Essay Waisers aus dem Jahre 1963 findet sich der Satz: "Es handelt sich bei notwendiger Schieibeiei immer um Verteidigung " Einverstanden. Nur daß mir Waisers jetzige Geschichtensammlung nicht Verteidigung, sondern eher Flucht zu sein scheint. Flucht wovor? 1962 schrieb Waiser in der ZEIT: "Ein deutscher Autor hat heute ausschließlich mit Figuren zu handeln, die die Zeit von 33 bis 45 entweder verschweigen oder zum Ausdruck bringen. Die die deutsche Ost West Lage verschweigen oder zum Ausdruck bringen. Jeder Satz eines deutschen Autors, der von dieser geschichtlichen Wirklichkeit schweigt, verschweigt etwas " Obwohl ich zögere, eine so rigorose These zu unterschreiben, möchte ich doch nicht verhehlen, daß sie mir im hohen Grade sympathisch ist. Und hier kann auch die tiefste Ursache für Waisers Fehlschlag zu finden sein. Er sieht sehr klar, vor welcher Aufgabe er steht. Aber er sieht auch nicht weniger klar die ungewöhnlichen Schwierigkeiten, die die vertrackte deutsche Realität jedem Schriftsteller bereitet, der ihr mit den Mitteln der Kunst beizukommen sucht.

Diesmal hat Waiser — bewußt oder unbewußt — das Risiko gescheut: Die "Lügengeschichten" versuchen, seine eigene Forderung zu ignorieren. Jeder Satz dieses Buches weicht der Gegenwart aus, jeder verschweigt die von Waiser apostrophierte "geschichtliche Wirklichkeit". Dabei zeigt es sich wieder einmal, daß die Trennung und Gegenüberstellung von dem, was man als Inhalt und als Form zu bezeichnen pflegt, nie ergiebig ist und meist nur verwirrt. Denn der Erzähler, der Künster Waiser hat sich nicht korrumpieren lassen. Das Artifizielle und Prätentiöse dieser zäh sich dahinschleppenden Prosa verraten seine Unsicherheit, das Erkalten des Temperaments, die Lustlosigkeit und vielleicht sogar sein schlechtes Gewissen. Und es scheint mir besonders aufschlußreich zu sein, daß er sich hier mit formalen Lösungen zu behelfen sucht, die er schon vor sieben Jahren mit den "Ehen in Philippsburg" glücklich überwunden hatte. So sind die "Lügengeschichten" im doppelten Sinne ein Buch des Rückzugs geworden, wenn nicht gar der Kapitulation. Nun mag man entscheiden, ob es für oder gegen Martin Waiser spricht, daß ihm ein solches Buch nicht gelingen wollte.

Während aber Waisers Geschichtenband beunruhigt und verärgert, hat mich die neue Erzähllung Bölls geradezu bestürzt — Heinrich Böll: "Entfernung von der Truppe"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 141 S , 7 80 DM.

Held und Ich Erzähler ist diesmal ein etwa fünfzigjähriger Kölner Bürger, Inhaber einer KaffeeGroßhandlung. Nun hat uns Böll schon daran gewöhnt, daß Alter, Beruf, soziale Position, Bildung und Konfession kaum einen Einfluß auf die Charaktere und Anschauungen seiner zentralen Gestalten haben: Ob Angestellter oder Architekt, ob Clown oder Großkaufmann — es sind immer wieder unglückliche Sonderlinge und bedauernswerte Außenseiter, hilflos passive und doch protestierende, naive und unentwegt räsonierende, leidende, aber auch stets sich selbst gründlich bemitleidende Menschen. Meist reagieren sie auf ihre Umwelt nur allergisch, manchmal hysterisch. Sie begreifen nicht viel, spüren jedoch das Böse und sind dagegen — im "Dritten Reich" ebenso wie in der Bundesrepublik.

Das alles trifft ebenfalls auf den neuen IchLrzahler zu, der allerdings — wie schon Bogner in "Und sagte kein einziges Wort" — weniger eine typische Zeitgestalt als vor allem ein pathologischer Fall u sein scheint. Er selber halt sich für einen "tumben" Menschen und meint, er sei Neurotiker. Infolge einer Kopfverletzung stottert er. Oft überfällt ihn ein Ekel erregendes "fast epileptisches Zucken". Er weigert sich grundsätzlich, seine Schuhe zu putzen, säubert sich hingegen gern seine Fingernägel — mit einer Gabel. Was die Konfession betrifft, so sei er "ein unbeschriebenes Blatt", würde gern Jude werden und bezeichnet sich "privat als kommender C&nst" Auch sei er, hören wir, Romantiker und müsse sich beherrschen, um sich "nicht in die dunklen Fluten des Rheins hineinzuwerfen". Dieser unglückselige Mensch erzählt einige Abenteuer aus seinem Leben, zumal aus jener Zeit, da er Uniformträger war. Im Arbeitsdienst fiel dem damaligen Philologiestudenten, der sich offenbar an der Welt rächen wollte, nichts Besseres ein, als seinen Vorgesetzten mit der Schneide des Spatens in die Kniekehle zu schlagen, und zwar "nicht einmal absichtlich", sondern "von einer unsichtbaren himmlischen Vernunft getrieben". Zur Strafe wird er "in die lakaiischen Gefilde verdammt": Er muß alltäglich die Riesenlatrine des Lagers leeren. Indes sollen in Bölls Erzählung "Kloakendufte dieselbe Funktion haben wie anderswo Rosendüfte".

Ich gestehe, daß es mir schwergefallen ist, dies nachzuvollziehen.

Freilich erwartet Böll es auch von seinen Lesern nicht.

Der Hinweis des IchErzählers auf die Funktion der Düfte hat jedoch seinen konkreten Grund: In der Welt der Kloaken lernt er einen Mann namens Engelbert (genannt Engel) kennen, dessen Gesicht "strahlend" wirkt und der es nicht unterläßt, während seiner fäkalischen Tätigkeit bisweilen einen Rosenkranz zu beten "Du, solltest meine Schwester heiraten", lauten seine ersten Worte an den Ich Erzähler, der hierzu bemerkt: "Ich schwieg, wie nur einer schweigen kann, der Botschaft und Befehl eines Engels entgegennimmt " Bölls Held, der meint, "durch einen Fäkaliengcruchsgilrtel" in einem "elfenbeinernen Turm gefangengehalten" zu sein, begibt sich zu jener Schwester: "Als ich auf den Klingelknopf drücken wollte , öffnete Hildegard, fiel mir in die Arme, und aller schlimme Geruch war von mir genommen Doch nur für kurze Zeit. Nachdem er rasch geheiratet hat, kehrt der Ich Erzähler zum Arbeitsdienst nicht mehr zurück, wobei es auffällt, daß er sich nicht die geringsten Gedanken über die möglichen Folgen dieser "Entfernung von der Truppe" macht. Und prompt wird er verhaftet.

Wahrend des Krieges ist er — eines Augenleidens wegen —- vom Schießen befreit. Sein Vorgesetzter "drehte einfach den Diphthong im S (hießen um" und verurteilte ihn zu jener Beschäftigung, die "unter Altgedienten gemeinhin als Scbeißetragen bekannt" ist. So werden uns wiederum Kloakendüfte geboten. Menschen, die ihm nicht passen, den Vorgesetzten zumal, kippt unser Held gelegentlich ganze Eimer Fäkalien vor die Füße, um sich "durch Auslegen eines Fakahengurtels unnahbar zu halten". Mit wem haben wir es eigentlich zu tun? Mit einem pfiffigen Burschen, einem Schelm? Oder vielleicht — und zu dieser Vermutung gibt mir ias Buch häufig Anlaß — mit einem Schwachiinnigen? Wollte etwa Böll den Lesern die Karikatur seines bisherigen Helden vorführen? Allein, es sind nicht nur die in diesem Prosa>tück dominierenden Motive, die befremden müs en. Den munteren und lockeren Plauderton, der bisweilen gelassen und salopp, bisweilen jedoch lur nachlässig klingt, kennen wir bereits aus den Ansichten eines Clowns". Der Umstand, daß Böll jetzt meist nicht darstellt, sondern nur feststellt, also nicht mit epischen Mitteln sichtbar macht, sondern sich auf die nackte Mitteilung beschränkt, überrascht ebenfalls nicht, da auch dies schon in manchen Teilen des "Clowns" auffiel. Aber gleich im ersten Satz der "Entfernung Ton der Truppe" sagt der Ich Erzähler, er möchte einige Erklärungen zu seiner Person abgeben, von denen ich zuversichtlich hoffe, daß sie mißverstanden wenden und Mißtrauen erwecken". Mehrfach heißt es, hier bekäme der Leser nur ein paar Striche und Punkte geboten, Konturen also, die er sich selber ausfüllen könne: Das rosaslück sei lediglich "als Malvorlage" gedacht. Nach einer Charakteristik seiner Schwiegermutter sagt der Ich Erzähler: "Wenn der Leser jetzt lar nicht mehr weiß, was er von ihr hallen soll, habe ich mein Ziel erreicht " Zwischen diesen Bemerkungen und der eigentlichen Materie des Buches ist jedoch kein rechter Zusammenhang, ja sogar ein Widerspruch vorfanden. Die zahlreichen Angaben des Helden über seine Person mögen allerlei Reaktionen herausfordern — Mißtrauen erwecken sie nicht. Der Charakteristik jener Schwiegermutter mangelt es veder an Deutlichkeit noch an Klarheit. Und das Ganze hat im Grunde mit einer Malvorlage nichts zu tun.

In der zweiten Hälfte unterbricht Böll seine Geschichte und fügt Zitate aus der Presse ein. Dieses zeitgeschichtliche Material kommentiert er rieht, vielmehr schlägt er dem Leser vor, "sich sine eigene Wirklichkeit daraus zu bilden". Was ist mit Böll geschehen? Sollte etwa die lerücksichtigung wenig appetitlicher Phänomene auf den Einfluß von Günter Grass zurückzuführai sein? Wenn Böll sich bemüht, nur Anhaltspunkte für vage Mutmaßungen zu geben — folgt er vielleicht Uwe Johnson? War es Alexander Kluge, der Böll zu der Einblendung von Zeitdokumenten angeregt hat? Wie dem auch sei — hier versucht Böll mit verstellter Stimme zu sprechen. Er, dessen Prosa mit Recht Schule gemacht hat, glaubt, seine Eigenart verleugnen zu müssen. Statt zu schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, strebt er Modernität an. Und zwar eine gründlich mißverstandene Modernität.

Das Buch endet mit den Worten: "Der Erzähler verbirgt etwas. Was?" Das, in der Tat, ist die entscheidende Frage. Und mag sie auch ironisch gemeint sein, sie sollte doch ernsthaft beantwortet werden. Die "Entfernung von der Truppe" ist Symptom einer Krise, deren Existenz schon die "Ansichten eines Clowns" erkennen ließen Ähnlich wie Waiser verbirgt Böll nichts anderes als jene tiefe Unsicherheit, die für viele deutsche Schriftsteller, die nach 1945 zu schreiben begonnen haben, immer mehr charakteristisch wird — ebenso für diejenigen, die häufig Bücher veröffentlichen, wie für diejenigen, deren Schweigen seit einigen Jahren unüberhörbar ist. Und wie bei Waiser hat auch bei Böll diese Krise einen offensichtlichen Rückzug verursacht, wenn nicht gar eine Kapitulation.

Sollte sich Heinrich Böll jetzt nicht einige Zeit Ruhe gönnen? Er hat sie längst verdient, mehr als alle anderen deutschen Schriftsteller seiner Generation.