Günther Weigand läßt einen Toten nicht ruhen

Münster

Das Ansehen der Stadt Münster hat in letzter Zeit durch einige Affären gelitten, die jeder reputierliche Bürger als kränkend empfinden mußte: Wer denkt nicht noch an den Fall Rohrbach, der die Justizbehörden von Münster und ihre Gutachter unrühmlich ins Gespräch brachte. Wem blieb nicht das Bubenstück der beiden Münsteraner im Gedächtnis, die mit einigen Fudern Mais "für karitative Zwecke" einen unchristlichen Reibach vorhatten. Sie gingen als "Maisheilige" in die Annalen der Stadt ein und brachten den Oberbürgermeister Peus in Mißkredit, in dessen Anwaltskanzlei das Geschäft beurkundet wurde.

Als hätte das christliche Münster noch nicht genug gelitten, ereignete sich noch ein dritter Fall: Drei Jahre sind vergangen, seitdem der Rechtsanwalt Paul Blomert, Sozius in der Kanzlei des Oberbürgermeisters, begraben wurde, und noch immer beschäftigen sich die Münsteraner mit den verschiedenen Theorien über die Leiche. Wurde der Mann erschossen, erschoß er sich selber oder hatte sich nur der Abzug der Walther-Schonzeitbüchse selbständig gemacht? War – es Mord, Selbstmord oder ein Unglücksfall?

Dem Charakter der Münsteraner liegt es fern, ihren Toten den Frieden zu stehlen. Der Todesfall läge denn auch längst bei den Akten, hätte ihn nicht ein Mann aufgegriffen, der plötzlich in Münster tätig wurde und mit dem Pathos eines "Rächers der Entrechteten" den angeblichen Mord an Paul Blomert gesühnt haben wollte: Dr. Günther Weigand. Sein Name läßt viele Leute heute noch im Schlaf aufstöhnen. Und selbst hinter den sicheren Mauern des Untersuchungsgefängnisses von Berlin-Moabit, in dem Weigand mittlerweile sitzt, fürchten sie ihn noch wie der Teufel das Weihwasser.

Ohne die Konventionen der verfilzten Münsteraner Gesellschaft zu berücksichtigen, zog dieser Mann Ehre und Moral einiger angesehener Leute in Zweifel, beleidigte die Ehefrau und die ehemaligen Bekannten des toten Paul Blomert in aller Öffentlichkeit und bezichtigte sie auf sieben Flugblättern der Mordverschleierung (siehe DIE ZEIT Nr. 47 vom 22. November 1963). Zugute kam ihm; dabei, daß der Todesfall des bekannten Rechtsanwaltes allgemein als peinlich empfunden wurde. Die Untersuchungsbehörden übten eine Zurückhaltung, die Mißtrauen erregte. Eine Leichenöffnung wurde nicht vorgenommen. Mord hatte die Staatsanwaltschaft von vornherein ausgeschlossen.

Für ein Gewaltverbrechen ließen sich auch bis heute keine Anhaltspunkte finden, obwohl die Leiche ein Jahr später obduziert und die Ehefrau Blomert und drei andere Personen wegen widersprüchlicher Aussagen oder Teilnahme am Mord vorübergehend festgenommen wurden. Das alles war Weigands Werk. Er hatte ohne Unterlaß laut "Mord" geschrien und sich als Reaktion auf seine Behauptungen rund dreißig Zivil- und Strafverfahren eingehandelt, bis die Staatsanwaltschaft an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifelte und seine einstweilige Unterbringung in eine Heil- und Pflegeanstalt beantragte.