Winfried B. Scharlau, Zbynek A. Zeman: Freibeuter der Revolution. Verlag Wisenschaft und Politik, Köln. 392 Seiten, 24 — DM. Eine Figur, als habe sie Balzac geschaffen: groß, schwerfällig, mit Bauch und Doppelkinn, feisten Backen, kleinen wachen und hellen Augen, darüber die hohe Stirn. Lebensgier, Genußsucht, Tatkraft, Abenteuer, Erfolge, Niederlage, Gefängnis, Flucht, steiler Aufstieg, Macht. Am Ende Lebensekel, Müdigkeit, das Bewußtsein, gescheitert zu sein.

Das war Alexander Helphand, der sich mit grimmiger Selbstironie Parvus, den Kleinen, nannte. Während des Ersten Weltkrieges und zu Beginn der Weimarer Republik geisterte sein Name durch die internationale Presse und durch die Mordlisten der Brigade Erhard. Genaues über ihn wußten wenige. Selbst seine Freunde lernten immer nur ein Stück seiner Persönlichkeit kennen. Als er starb, nannten ihn der eine bedeutend, der andere verlumpt, der dritte einen großen Revolutionär und der vierte einen Schieber. Die Staatsbürger standen ratlos vor diesen Nachrufen und wandten sich schnell anderen Gestalten zu, die deutlicher vor ihnen standen. Ihn hatten sie nie recht gekannt. Aber hatte er sich selber gekannt? Wohl kaum.

In das Dunkel um diesen Mann haben ein junger deutscher und ein junger britischer Historiker Licht gebracht. Sie haben sich jahrelang in den Archiven getummelt und auch die wenigen Überlebenden befragt, die Parvus Helphand noch gesehen und gesprochen hatten. So ist ein Werk zustande gekommen, das eine empfindliche Lücke in unserer Kenntnis der Zeitgeschichte schließt. Der Sohn eines jüdischen Handwerkers aus der weißrussischen Stadt Beresina verbrachte eine glückliche Jugend in seinem Vaterhause, aber noch als halber Knabe wurde er ein erbitterter Feind des Zarentums. Unter dem geistigen Druck dieses Regimes litten viele begabte Russen und beantworteten ihn mit Haß. Bei dem jungen Helphand mag hinzugekommen sein, daß er immer wieder mit ansehen mußte, wie seine Glaubensgenossen verfolgt, gedemütigt, ihrer Habe beraubt und wohl auch totgeschlagen wurden. Er mochte als Student in diesem Lande nicht mehr leben und ging in die Schweiz. In Basel erwarb er die Würde eines Doktors der Volkswirtschaft.

Er war Sozialist, als er sein Studium beendete. Aber den vollen Anschluß an die junge Bewegung gewann er erst in Deutschland, wohin er nun übersiedelte. Die Macht, das Selbstbewußtsein, der gläubige Zukunftsoptimismus der damals stärksten sozialistischen Partei der Welt machten auf ihn einen tiefen Eindruck, der bis zu seinem Lebensende dauern sollte. Die deutsche Sozialdemokratie wurde sein "neues Vaterland". Das Wort klang an, das dann eine merkwürdig schillernde Bedeutung bei ihm erhielt. Er wollte ein internationaler Sozialist sein, er hörte nicht auf, auf die revolutionäre Bewegung seines Geburtslandes zu schauen, schicksalhafte Begegnungen mit russischen Revolutionären standen noch bevor; aber am Ende seiner Laufbahn wurde aus seiner Bewunderung für die deutsche Sozialdemokratie eine Bewunderung für Deutschland. Nicht nur die Partei, auch Deutschland wurde beinahe — beinahe! — sein Vaterland. Ganz stimmt diese Bezeichnung wieder nicht, das Weltrevolutionäre in ihm war immer stärker, wie wir noch sehen werden. Sicher aber ist, daß ihn die russischen Sozialisten später als "Handlanger des deutschen Imperialismus" beschimpften. Ganz wird das Rätsel nie zu lösen sein, in welchem Maße am Schluß revolutionäre und nationaldeutsche Ziele sich bei ihm ineinander verwoben. Zwiespältigkeit lag immer in Helphands Charakter. Er träumte von seinem neuen Vaterland und von der Weltrevolution, er träumte von der Erlösung des unterdrückten Proletariats und von einem Leben in Luxus und Reichtum. In München, als Schriftsteller, Agitator, Journalist fand er einen begabten Schüler, der wie er aus Rußland geflüchtet war und wie er seinen ererbten Namen durch einen Decknamen ersetzt hatte. Begierig lauschte der junge Trotzki den Lehren des Älteren über die Notwendigkeit des Massenstreiks, mit dem man eine Revolution einleiten müsse. Er dachte über die Parolen Helphands nach, der seine russischen Freunde immer wieder davor warnte, Hilfstruppe des bürgerlichen Liberalismus zu werden. Nicht nur gegen den Zaren, sondern auch gegen den Liberalismus müsse der entschlossene Kampf geführt werden. Dreizehn Jahre später bewies Trotzki, wie gut er Helphand verstanden hatte.

Aber Trotzki verachtete zugleich die Frivolität und die Faulheit des "fleischigen Bulldoggenkopfes", der aus Mangel an Fleiß seine Ideen nicht zu Ende bringe. Wenn er Helphand mit sich selber verglich, dann konnte er dem Älteren nur mißtrauen, dann mußte er in sich eher den Bürgen für das Gelingen der Revolution erblicken. Er hatte recht gesehen.

Helohand winde in den nächsten zehn Jahren ein reicher Mann. Zeitungsgründungen, etwa m der Türkei, wo er eine Zeitlang lebte, merkwürdige Geschäfte, undurchsichtige Beteiligungen und Geschäftsführerposten — ganz wird ein Laie nie verstehen, wie aus dem bettelarmen Schriftsteller ein Mann mit einem Bankguthaben, einem prächtigen Haus, livrierter Dienerschaft und einem wohlgepflegten Weinkeller werden konnte. So schnell reich wird man nicht, wenn man nicht Glück hat und nicht sehr unternehmungslustig — und sehr skrupellos ist. Am Rande des Weges, den Helphand in Wohlleben und Luxus ging, lagen zertrümmerte Freundschaften, in Stich gelas>ene Geschäftspartner.

Diese Art o n Aufstieg mußte Feindschaft erwecken. Gerüchte, allzu begründete Gerüchte über seine Frauenaffären kamen hinzu. Häßlichkeit ist noch nie ein Hindernis für Erfolg bei Frauen gewesen, wenn der Mann anregend plaudert, entschlossen vorgeht und seinen natürlichen Charme durch den Schimmer des Geheimnisvollen über seinen märchenhaften Aufstieg verstärkt. Helphand eroberte die Frauen schnell und leicht. Aber er verließ sie auch schnell und leicht. Schlimmer noch. Kautsky und andere mußten sich um die im Elend lebende verlassene Ehefrau, um neue, ebenso verlassene Gefährtinnen und um die Kinder Helphands kümmern. Für ihn waren sie nicht mehr da, er hatte sie aus seinem Gedächtnis gestrichen.