Von Hansjakob Stehle

Mit dem Sarge des toten Palmiro Togliatti gelangte aus der Sowjetunion ein Dokument nach Westen, das noch lange fortwirken wird: jenes Memorandum, das der italienische Kommunistenführer eigentlich nur "für den Dienstgebrauch" Chruschtschows, nicht aber für die Augen der neugierigen Welt geschrieben hatte, das Togliattis Nachfolger dann aber veröffentlichen ließ, obschon Chruschtschow durch seinen Abgesandten Breschnjew dringend darum gebeten hatte, den Entwurf ins Archiv zu versenken. Das Papier, das ein schicksalhafter Zufall mit der Autorität eines Vermächtnisses ausstattete, kam den italienischen Kommunisten aus einem doppelten Grunde recht gelegen. Es erlaubt ihnen, die ideologischen Zweifel in den eigenen Reihen zu besänftigen; zugleich aber bietet es ihnen die Chance, als eine von 7,75 Millionen Menschen frei gewählte Partei den inneren Gärungsprozeß im Kommunismus wesentlich zu beeinflussen und vielleicht sogar zu beschleunigen.

Wohl vor langem schon hat Togliatti erkannt, was er auch in seinem Memorandum noch nicht offen ausspricht, was aber seinen Vorstoß angeregt hat: daß der sowjetisch-chinesische Konflikt aus einem ideologischen Streit immer mehr zu einem Machtkampf wird, in dem nicht mehr die besseren Argumente, sondern nur handfeste Führungsansprüche zur Debatte stehen. Eine Entwicklung, die notwendig zur Verflachung und Vulgarisierung des Kampfstils, zur gegenseitigen Verketzerung und schließlich zum großen, weltweiten Schisma führen muß.

Vor all dem warnt Togliatti in seiner Schrift, und er versagt sich in gewählten Worten deshalb auch dem Spaltungskonzil. Doch er scheint keine großen Illusionen zu hegen, daß da noch etwas zu retten wäre. Mit den Chinesen diskutiert er schon gar nicht mehr ernstlich. Statt dessen versucht er aus der Not eine Tugend, als Dialektiker aus den Antithesen eine Synthese zu machen. Nicht im Sinne eines faulen Kompromisses! Die "Einheit in der Verschiedenheit", die er entwirft, klammert sich nicht mehr an die klassischen Formeln der marxistischen Doktrin.

Togliatti geht auf das theoretische Urmotiv der kommunistischen Bewegung zurück: Die Befreiung des Menschen – von der Ausbeutung, vom Staat, von Bevormundung jeder Art. Und er prüft taktvoll, aber genau, wie es damit in Wirklichkeit bei den Kommunisten steht – vor allem bei denen, die regieren. Er empfiehlt ihnen, statt sich scholastischem Gezänk zu ergeben, lieber ihr Ordnungsbild vom Staat und vom Menschen an der modernen Welt zu prüfen: ob es paßt, ob es standhält. Das meint er, wenn er sich anschickt, "die Kommunisten dazu zu drängen, ihre relative Isolierung zu durchbrechen".

Mut allerdings sei dazu notwendig: "Die Kommunisten müssen jede Form des Dogmatismus überwinden, neue Probleme auf neue Weise in Angriff nehmen und lösen und Arbeitsmethoden anwenden, die einer politischen und sozialen Situation angepaßt sind, in der ständige und rasche Veränderungen vor sich gehen." Dabei gelte es "alte Formen zu liquidieren" – zum Beispiel die atheistische Propaganda. Oder auch die Stellung zur Kultur: "Wir müssen zu den Vorkämpfern der Freiheit des intellektuellen Lebens werden, des freien künstlerischen Schaffens und des wissenschaftlichen Fortschritts."

Togliatti hißt damit das Panier aller intellektuellen Reformkommunisten in Osteuropa. So hatte zum Beispiel der polnische Parteiphilosoph Adam Schaff im September 1961 geschrieben: "Zweifellos würde es die endgültige Niederlage der kapitalistischen Welt bedeuten, wenn sie ihre Trumpfkarte der angeblichen Verteidigung der individuellen Freiheitsrechte im Kampf mit dem Kommunismus verlöre. Freiheit ist nicht weniger wichtig als Befriedigung materieller Bedürfnisse." Schaff hatte auch von den Gefahren und Fehlern "bei der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats" gesprochen. Doch Togliatti geht viel weiter. Bei genauerem Zusehen schließt sein Freiheitsbegriff die proletarische Diktatur, wie Lenin sie verstand, überhaupt aus: