Von Willi Bongard

Moskau, im September

C’est si bon – präludiert das Piano, unterstützt von Gitarre und Kontrabaß. Ein bißchen zaghaft zunächst, bald schon lebhafter und schließlich gar nicht mehr brav, fast eine Spur zu rhythmisch. Aus dem schweren, ungefähr zehn Meter hohen Bühnenvorhang tritt eine blonde Schöne, schlank und rank, mit hochtoupierter Frisur, darin ein schlichter Goldreifen, Die Tiefstrahler von der mit Stuck überladenen Decke richten sich auf einen Traum von schwarzem Abendkleid von raffiniert einfachem Schnitt, hochgeschlossen. Iphigenienhaft-weihevollen Schrittes erreicht sie den Laufsteg und betritt den dunkelroten Läufer. Sie schwebt mehr, als sie geht, doch ihr Blick ist streng, beinahe arrogant; er geht über die Köpfe der versammelten Neugierigen hinweg. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie über das Ende des Laufsteges hinweg durch die Wand des größten Kaufhauses der Welt, des GUM, hindurch auf den Roten Platz zugeschwebt wäre.

Doch sie macht eine Wende – und mich für Augenblicke vergessen, daß ich in Moskau bin: Ein atemberaubender Rückenausschnitt, der bis zur Gürtellinie hinabreicht. Darin eine rote Rose. Königin Mode hält Hof in Moskau.

Dimitrij, mein Dolmetscher, rutscht neben mir unruhig auf seinem Stuhl hin und her, und reckt sich fast den Hals aus. Meine Nachbarin zur Linken hingegen wirkt recht gelassen; sie lächelt ein wenig nachsichtig, gerade so, als wollte sie sagen: „Naja, als Mannequin kann man sich das vielleicht leisten; aber als einfache Hausfrau und Genossin...“

Iphigenie ist meinen Blicken fürs erste entschwunden, ohne daß sich auch nur eine Hand zum Applaus gerührt hätte. Ich blicke mich etwas verdutzt um, aber Beifallskundgebungen scheinen hier im Staatlichen Universal-Magazin (GUM)“ nicht üblich zu sein. Das meist Kopftücher tragende Publikum sitzt ein wenig eng – und verlegen – zu beiden Seiten des Laufsteges. Einige halten Notizbücher in der Hand, die meisten haben ihre Einkaufstaschen auf dem Schoß.

Die Modeschau im „Demonstrationssaal“ des Kaufhauses GUM hat etwas von einer Schulstunde für Anfänger im Modefach an sich. Die Moskowiterinnen und die Russinnen aus der Provinz sind hierhergekommen, um etwas zu sehen, genauer: um etwas Ungewöhnliches zu sehen – auf alle Fälle nicht, um gesehen zu werden. Das mag der wesentlichste Unterschied zu Rom, Berlin oder Paris sein. Sie schauen ein bißchen ratlos drein und scheinen nicht recht zu begreifen.