Vorolympisches Gespräch mit dem gesamtdeutschen Zehnkampfmeister’’ Willi Holdorf

Von Werner Höfer

Es muß etwas dran sein – an der „Sportvereinigung Bayer 04 Leverkusen“! Denn an einem Abend wurde dieser Klub im Deutschen Fernsehen gleich zweimal zitiert, in Sendungen, die mit Leibesübungen nur sehr indirekt zu tun hatten. In dem satirisch-zeitkritischen Hamburger Programm „Hallo Nachbarn!“ wurde dem im politischen Zwielicht dahinsiechenden gesamtdeutschen Sport diese bittere Erkenntnispille verabreicht: „Wenn ein Sportler von Bayer Leverkusen bei den Olympischen Spielen eine Medaille gewinnt, ist er nur deshalb kein ‚Staatsamateur‘, weil die Bayer-Werke kein volkseigener Betrieb sind.“ Ein paar Stunden später, in einer mitternächtlichen Diskussion zur Frankfurter Buchmesse über „manipulierbare Bestseller“, verwahrte sich der literarische Mehrkämpfer Martin Walser gegen das Verfahren eines deutschen Welt- und Wochenblatts, belletristische Erfolge nach Art von Sportergebnissen zu publizieren, mit dem Argument, ein Schriftsteller könne nicht mit... Bayer-Leverkusen verglichen werden.

Es muß also etwas dran sein an „Bayer 04 Leverkusen“, wenn die Kabarettisten und die Literaten sich dieses Namens bemächtigen. In der Tat: Es ist etwas dran an diesem Verein, der mit Armin Hary den schnellsten Mann der Welt und mit zahlreichen Rekorden und Meisterschaften die ansehnlichste leichtathletische Nachkriegsbilanz zustande gebracht hat und der nach diesem Sommer des sportlichen Mißvergnügens immerhin sechs Leichtathleten zu den Olympischen Spielen nach Tokio entsendet. Einer von ihnen ist der Zehnkämpfer Willi Holdorf.

Der schmale Athlet, mit dem gelichteten Blondhaar, und seine zarte Handball-Frau versinken fast in den ausladenden Sesseln des Werkskasinos. Die Fragen, auf die er sich gefaßt macht, erwartet er mit jener Mischung von Gelassenheit und Nervosität, mit der er den Schuß des Starters mehr ahnt als hört.

Gut im Rennen

„Herr Holdorf, es steht nicht besonders gut um die westdeutsche Leichtathletik. Hervorragend aber ist es um den Zehnkampf in der Bundesrepublik bestellt.“