In der vorletzten Woche hatte SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein eine Studie des Kieler Historikers Karl Dietrich Erdmann über Reichskanzler von Bethmann Hollweg, die zuerst in der ZEIT veröffentlicht wurde, kritisch analysiert. Seine scharfe Polemik führte zu dem Schluß, Erdmann habe Zitate aus dem Tagebuch des Bethmann-Mitarbeiters Kurt Riezler falsch interpretiert und den Anteil Deutschlands an der Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verschleiert. Heute geben wir Professor Erdmann Gelegenheit zu einer Erwiderung auf Rudolf Augsteins Angriff.

Rudolf Augstein hat es mit den Historikern. Sie sind, was den Ersten Weltkrieg betrifft, zumeist anderer Meinung als er. Deshalb zieht er gegen die „Zunft“ zu Felde.

1. Er erweckt den Eindruck, als sei die Tatsache der Mitteilungen aus den Tagebüchern Kurt Riezlers der „Zunft“ irgendwie unwillkommen. Dabei weiß er – nachweislich! – genau, wie die Dinge in Wirklichkeit liegen: daß nämlich eine der ältesten und angesehensten Institutionen der deutschen Geschichtswissenschaft, der übrigens auch Hans Rothfels angehört, seit Jahren bemüht ist, diese Aufzeichnungen für die Forschung zu gewinnen mit dem Ziel, den Text kritisch zu edieren und in einem öffentlichen Archiv zu hinterlegen. Daß es mir ermöglicht wurde, die auf Bethmann Hollweg bezüglichen Textstellen im Rahmen meiner Studie mitzuteilen, ist ein Zwischenergebnis dieser Bemühungen, für das man den Verfügungsberechtigten und der „Zunft“ zu danken hat. Aber Augstein kann nicht über seinen Schatten springen.

2. Was in meiner Studie mitgeteilt wurde, hat Verwirrung in seinem Gedächtnis angerichtet. Er hat vergessen, was er früher über den angeblich größenwahnsinnigen Kanzler des Ersten Weltkrieges gesagt hat (vgl. „DIE ZEIT“, l.Sept. 1964, S. 6. Anm.), und er will auch nicht mehr wahrhaben, in welcher Weise Fritz Fischer und seine Schule trotz einiger verbaler Vorbehalte den Gegensatz zwischen Bethmann Hollweg und den Alldeutschen, zwischen den Motiven des Ersten und des Zweiten Weltkriegs verwischen. Es ist doch immerhin eine These, mit der die Auseinandersetzung lohnt, daß Bethmann Hollweg – natürlich nicht als Temperament und Charakter, aber doch hinsichtlich Kriegsprovokation und Eroberungsplänen – so etwas wie ein „Vorläufer Hitlers“ gewesen sei. Jetzt will Augstein dies alles nicht mehr gesagt und propagiert haben, obwohl er in der Quintessenz seines ZEIT-Artikels genau das gleiche wiederholt: Bethmann Hollweg schuldig – neben der wenn auch „zögernden“ Vergewaltigung kleiner Völker – des Rassenhochmuts, der Aussiedlung, der Enteignung, des kontinentalen Eroberungskrieges, den er anfing, um Deutschland zur „Weltmacht“ zu machen. Mit der Frage, was es mit dem angeblichen Weltmachtstreben Bethmann Hollwegs auf sich habe, setzt sich meine Studie auseinander.

3. Augstein sucht sich mit einem Trick den Konsequenzen der Textaussage zu entwinden. Da steht im Tagebuch, daß dem Kanzler „Weltherrschaft traditionell unsympathisch“ sei, oder daß für dieses „Geschöpf der alten Humanitätskultur“ – von dem wir wissen, daß es seine Abende am liebsten musizierend am Flügel oder lesend verbrachte – ein deutsches Weltreich als „ein widersinniger, undenkbarer Gedanke“ gelte. Hier erhebt Augstein den Finger und belehrt uns, daß ein Streben nach Weltherrschaft etwas anderes sei als der Versuch, sich zum Rang einer Weltmacht neben anderen aufzuschwingen. Binsenwahrheiten sind solche, die niemand bestreitet. Natürlich sind Weltmacht bzw. Weltherrschaft in der Einzahl oder in der Mehrzahl verschiedene Dinge. Aber es heißt wahrhaftig das intellektuelle Niveau des Gespräches zwischen dem weitmachtskeptischen Bethmann Hollweg und dem hier anders empfindenden jüngeren Riezler in unerlaubter Weise unterschätzen, wenn uns Augstein suggerieren will, daß hier die Phantastik einer deutschen Weltherrschaft in der Einzahl überhaupt zur Diskussion hätte stehen können, so daß es für Riezler lohnend gewesen wäre, sich zu notieren, Bethmann Hollweg habe davon nichts wissen wollen.

Wenn im Tagebuch Riezlers von Weltherrschaft und deutschem Weltreich die Rede ist, geht es also eindeutig immer um die Teilhabe Deutschlands an der Weltherrschaft, um Deutschland als Weltmacht neben anderen Weltmächten; konkret: um die Gewinnung eines politischmilitärisch-wirtschaftlichen Vorfeldes im Osten und Westen des Reiches, um den Zweifrontendruck ein für allemal loszuwerden und damit eine sichere Basis für Kolonial- und Wirtschaftspolitik in Übersee zu gewinnen. Eben für diese Vorstellung, die den konservativen und liberalen Imperialisten in Deutschland so viel bedeutete, konnte sich Bethmann Hollweg nicht erwärmen. Das ist die eindeutige Aussage Riezlers, und er gibt auch die Gründe an, warum: weil Deutschland an der Ausübung solcher Herrschaft intellektuell zugrunde gehen werde.

Mich hat diese Stelle besonders betroffen gemacht, und ich wundere mich, daß Augstein über sie hinwegliest. Dahinter steht doch die Sorge Bethmann Hollwegs, daß durch den Ausbau der deutschen Herrschaft in Belgien, Polen und dem Baltikum diejenigen militärischen und politischen Mächte sich innerhalb Deutschlands festigten, zu denen er sich mehr und mehr in ausgesprochenem Gegensatz wußte. Von den Belegen hierfür aus dem ersten Teil meiner Studie (vgl. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Jg. 15, S. 529f.): „Der Kanzler hält eine wirklich entschiedene Politik mit einer vernünftige auswärtigen Linie nur mit der Linken für machbar .. diese bei uns aber kaum möglich wegen Kaiser, preußischem Beamtentum, Militär und Marine“ (Riezler 3. Nov. 1916); Bethmann Hollweg sei in Sorge, „wie das neue Deutschland der Macht und Finanzherrschaft die Einheit mit Goethe finden soll. Er meint, die Zukunft könne in den Thyssen, Stinnes usw. nicht liegen – in der jetzigen Geistesverfassung der Krautjunker auch nicht. An den Hohenzollern sei die geistige Entwicklung vorbeigegangen oder präge sich der geistige Niedergang schneller aus“ (28. Juli 1915); „Ostelbien muß gebrochen werden“ (14. Juni 1916).