In den früheren Jahren machte der inzwischen verstorbene Claus Schrempf, ein bekannter Finanzpublizist, den Versuch, in einem kleinen Büchlein jeweils die Börsenfavoriten des nächsten Jahres anzukündigen. Wer darin im Stile der zahlreichen Börseninformationsdienste sensationelle Tips erwartete, sah sich getäuscht, denn Schrempf beschränkte sich ausschließlich auf die guten deutschen Standardaktien mit breitem Markt, die zuerst die größtmöglichste Sicherheit und erst in zweiter Linie Kurschancen versprachen. Schrempf wußte, daß über mehrere Jahre hinweg gesehen sich die Anlage in Aktien erstklassiger Gesellschaften so lange lohnen wird, wie die Wirtschaft in einem gesunden Wachstum verharrt. Wenn wir uns heute, meine verehrten Leser, über die möglichen Börsenfavoriten des kommenden Frühlings unterhalten wollen, dann gilt unser Gespräch nicht den sogenannten „Raketen“ unter den Aktien, deren Kurse unvermutet rasch große Höhen erreichen. Wir wollen uns jetzt vielmehr mit solchen Papieren beschäftigen, denen aus heutiger Sicht eine solche Aufwärtsentwicklung sicher zu sein scheint.

Die kurzfristige Spekulation ist in diesen Wochen ein hartes Brot. Mancher Börsianer, der sich vor einigen Wochen auf dem Aktienmarkt engagiert hatte, sieht die Kurse seiner Papiere eher schrumpfen als steigen. Das macht wenig aus, wenn man „Luft“ genug hat, die Positionen durchhalten zu können, bis bessere Börsenzeiten angebrochen sind. In den meisten Fällen ist das sicherlich möglich. Dennoch ist der Ärger über die unvermutet langen „Wartezeiten“ bei vielen Leuten unverkennbar.

Leider lassen sich auch viele Aktiensparer von der Unruhe anstecken. Deshalb unterbleibt mancher Aktienkauf. „Das Börsenwetter muß erst besser werden!“ heißt es in solchen Fällen. Wer so denkt, disponiert in zu kurzen Zeiträumen. Denn wer jetzt Geld anzulegen hat, muß sich ein Bild über die Lage der Wirtschaft (und damit der einzelnen Gesellschaften) machen, wie sie sich vermutlich im kommenden Frühjahr präsentieren wird.

Das gilt besonders für solche Aktienbesitzer, denen das Glück in diesem Jahr hold war und denen es „Spekulationsgewinne“ ermöglicht hat. Solche Gewinne, meine verehrten Leser, entstehen steuerlich dann, wenn zwischen dem An- und dem Verkauf einer Aktie weniger als sechs Monate liegen und der Verkaufskurs höher als der Kaufpreis gewesen ist. Bleiben solche Gewinne jedoch unter 1000 DM im Jahr, so sind sie steuerfrei. Überschreiten sie die 1000-DM-Grenze, so müssen sämtliche „Spekulationsgewinne“ versteuert werden.

Spekulationsgewinne können gegen Spekulationsverluste aufgerechnet werden. Ein Spekulationsverlust entsteht dann, wenn Sie ein Papier „niedriger“ verkauft als gekauft haben. Kauf und Verkauf dürfen jedoch nicht mehr als sechs Monate auseinanderliegen.

Ein Praktiker, der „aus Versehen“ mit seinen Spekulationsgewinnen über 1000 DM hinausgeschossen ist, hilft sich am Jahresende, indem er Spekulationsverluste „macht“. Papiere, die unter dem Einstandskurs liegen (und deren Kaufdatum noch nicht mehr als sechs Monate zurückliegt), werden „ohne Rücksicht auf Verluste“ verkauft – und wenn man sie für aussichtsreich hält, schnell wieder zurückerworben. Dann fallen zwar Spesen an, aber die Einkommensteuer wäre mit Sicherheit teurer.

Aber das nur zur Erläuterung, warum für viele Leute die Tendenz im kommenden März wichtiger ist als der Kursverlauf der nächsten Wochen. Ich sagte Ihnen, meine verehrten Leser, eingangs schon, daß sich langfristige Prognosen eigentlich nur für bestimmte Aktienkategorien, doch schwerlich für einzelne Gesellschaften stellen lassen. Deshalb müssen wir heute – wie schon vor einigen Wochen – bei einer Branchenbetrachtung bleiben.