Liebe Tochter! Weißt Du, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? Kam mir doch tatsächlich eine Träne ins Auge... Du kennst mich ja, hab’ manchmal „nah’ am Wasser gebaut“.

Also, es war so: Die B.’s – alle schrecklich aufgeregt und furchtbar lieb wie immer – hatten mich von Tempelhof abgeholt. Bis zur Dudenstraße ging alles gut. Dann sagte Schwesterleben jubelnd, emphatisch: „Na, wie findest du es, dein Berlin, unser Berlin?“

„Ziemlich kleen un’ ’n bißchen provinziell“, sage ich. Sie sind baff. „Wenigstens hier, wo wir gerade sind, in Schöneberg“, füge ich eilig hinzu. Ich kann nun einmal diese Appelle nicht verknusen. How do you like America? Wir haben es alle höflich beantworten gelernt, drüben. Klar, im Ausland. Aber dies war ja wirklich: mein Berlin, unser Berlin. Die Stadt, wo Du, Töchterchen, geboren bist. Olympische Straße 12 war das, British Sector, 500 Gramm Weißbrot täglich extra bekamen wir für Dich Baby. Du hast uns ernährt, Ich wog 118 Pfund nach der Gefangenschaft. Du übrigens sieben – nach der Geburt.

Siehst Du – das war’s, überall Geschichten, um jede Ecke eine – in diesem Berlin. Es bubberte infolgedessen immerfort da irgendwo. Und dann soll einer sagen: Oh, I just love Berlin, it’s a marvellous city, isn’t it. Kann man bloß saaren: hamses nich ’n bisken kleener.

Hätte Dich gern bei mir gehabt, in diesen Tagen, Tochter. Du bist ja ’ne echte Berlinerin, ich bloß ’n gelernter Berliner. Und die lieben det olle Dorf ja viel sentimentaler als Ihr Richtigen.

Anhalter Bahnhof sind wir auch vorbeigefahren. Alles tot, immer noch. Wie oft kam ich da an, in Deinem Alter und jünger, aus Elsterwerda, mit dem Dresdner Eilzug. Wie oft fuhr ich da ab. 16.44 Uhr, ich weiß noch genau, wann der Mann mit der roten Mütze die Kelle hob. Und wenn der Koffer im Netz war, das Fenster wieder hoch, das Taschentuch nach dem Winke-Winke zusammengefaltet, und wir ratterten durch Lichtenrade, Richtung Zossen, fing ein langes Selbstgespräch an: Mensch, Junge, is det ’ne Stadt.

Und da bin ich auch durch, wenn auch erst mit erheblicher Zugverspätung – so ’n kleiner Weltkrieg kam dazwischen. Und da war ich nun wieder, paar Amerikajahre dazwischen, und da hatten sie mich am Hilton (ein Amerikaner in Berlin, hahaha) vorgefahren, in ihrem guten alten grünen VW, und der Zweimeterzehn-Portier hatte kaum heruntergereicht, und dann hatte mich ein Boy zehn Stock nach oben gefahren: „Sie war’n wo’ lange nich da, der Herr“ – und dann mache ich das Kippfenster auf, es liegt zum Zoologischen Garten hin, und da ist Nachmittagstanztee, und da spielen sie ausgerechnet: Weißt Du, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?