Von H. D.Kley

Saloniki, im September

In Sidirokastron, einer von Staub gepeinigten, von einem mythischen Felsen überragten Grenzstadt, lud mich eine ausgelassene Männergesellschaft zum Wein ein. Sie feierte die Heimkehr ihres Mitbürgers Kostas aus Deutschland. Der junge Grieche hatte zwei Jahre bei einem Fuhrunternehmen im Rheinland verbracht – „sär, sär gut“, wie er mir schulterklopfend mit weingerötetem Gesicht beteuerte. Sein Souvenir stand vor dem Cafeneion: ein blitzblanker, zusätzlich mit Chrom, Papierblumen und einem Plattenspieler ausgestatteter Gebrauchtwagen. Aus dem Radio kam laut griechische Volksmusik, und bald tanzten die Männer dazu. Aus einem Glas Wein wurden vier, fünf Gläser. So bekam ich, kaum angelangt, gleich die vielgerühmte Gastfreundschaft der Hellenen zu spüren.

Ich hatte, von Sofia und den bulgarischen Rila-Klöstern kommend, die Grenze bei Kulata überquert – hatte also nicht die bisher für Westeuropäer übliche Route benutzt, die durch Jugoslawien oder auf See von Brindisi nach Korfu führt. Der neue Reiseweg ist erst seit dem Frühjahr frei, und das hat mit der Niederlage Deutschlands zu tun: Griechenland hatte nach dem Zweiten Weltkrieg Westthrazien und das Gebiet um Kavalla, das 1941 von den Bulgaren (und mit deutscher Unterstützung) erobert worden war, zurückerhalten. Und Bulgarien hat diesen Verlust erst jetzt überwunden. So einigten sich die Regierungen über den Transitverkehr nach Saloniki. Es blieben allerdings der Stacheldrahtzaun und die Wachtürme auf bulgarischer Seite; der Durchschlupf ist nur westlichen Reisenden erlaubt.

Vor den Bulgaren hatte der von zartestem Grün zu abweisendem Karst wechselnde Landstreifen zwischen den Rhodope-Bergen und der Ägäis Türken, Byzantiner, durchziehende Kreuzfahrer und Römer gesehen. Sie alle haben Spuren hinterlassen, am eindrucksvollsten im Gebiet des antiken Philippi. Der Vater des großen Alexander, Philipp II. von Mazedonien, hatte die Stadt im vierten Jahrhundert vor Christi gegründet. Sie wurde durch die nahegelegenen Goldminen des Pangaion-Gebirges berühmt (wo man auch heute noch Goldsuchern begegnen kann), aber mehr noch durch die Schlacht des Octavianus und Antonius, die 42 v. Chr. in der Ebene von Philippi Cäsars Mörder, Brutus und Cassius, nach langer Verfolgung besiegten. Paulus predigte in Philippi zum erstenmal auf europäischem Boden.

Von der Akropolis sieht man Ruinen aus allen Epochen – ein guterhaltenes Theater, in dem alljährlich antike Dramen aufgeführt werden; das römische Forum, die Säulen griechischer Heiligtümer und frühchristlicher Basiliken. Die heutigen Bewohner haben die einst sumpfige Ebene, in einen blühenden Garten verwandelt; er erinnert mit seinen Pappelreihen, Kanälen und der herrlichen Bergkulisse an Kaschmir.

Zwanzig Autominuten weiter liegt, wie ein Amphitheater aus dem Meer steigend, Kavalla, das antike Neapolis. Man glaubt, auf die am schönsten gelegene Stadt des griechischen Festlandes hinabzublicken. Ein mächtiger Viadukt ist schon von den Bergen aus erkennbar. Um eine hochgebaute byzantinische Festung drängt sich eine türkische Altstadt. In weinumrankten Hafengaststätten wird Kalamaris – gebackener Tintenfisch, eine wohlschmeckende Spezialität in diesem an Küchenraffinement nicht sonderlich reichen Land – serviert. Der malerische Fischmarkt lärmt bis in den Nachmittag; im Hafen wimmelt es von bunten alten Booten. Abends schleppen Motorkutter je ein halbes Dutzend mit großen Karbidlampen ausgerüstete Ruderboote aufs offene Meer. Wer will, kann mitfahren und zusehen, wie die Fischer das unheimlich aussehende Meergetier aufspießen. Jeden Morgen fährt ein weißer Dampfer, beladen mit Passagieren, Lebensmittelkisten und allerlei Getier, hinüber, nach Thasos. Für Autofahrer verkehrt eine Fähre vom Dorf Keramoti aus.