Von Humbert Fink

in Polizeihund kostet den (italienischen) Staat täglich vierhundert Lire, genausoviel, wie ein Hilfsarbeiter an einem Tag verdient. Zur Zeit meiner Erhebungen gab es in Orgosolo zehn bis fünfzehn Spürhunde. Mit diesem Geld hätte man also ebensoviele Arbeitslose unterstützen können.“ Diese Sätze charakterisieren ein außerordentliches Buch –

Franco Cagnetta: „Die Banditen von Orgosolo – Porträt eines sardischen Dorfes“, aus dem Französischen von Margarete Bormann; Econ Verlag, Düsseldorf; 212 S., 38 Abb., 18,– DM

das bezeichnenderweise in Frankreich erscheinen mußte, während in Italien lediglich Alberto Moravia den Mut aufbrachte, in seinen Nuovi Argomenti Teile des Originalmanuskriptes zu veröffentlichen. Aber selbst diese Auszüge genügten; die Regierung ließ den Autor, den Soziologen Franco Cagnetta, wegen „Verunglimpfung des Heeres und der Polizei und Verbreitung von Nachrichten, die die öffentliche Ordnung gefährden könnten“ anklagen. Erst durch eine weltweite Pressekampagne und nach einer heftigen Debatte im Parlament wurde die Klage vom römischen Gerichtshof abgewiesen. Cagnetta selber, der vier Jahre im Gebiet der sardischen Supramonte lebte, einem wilden Gebirgszug im nördlichen Landesinnern, wurde während seines Aufenthaltes mehrmals von „gewissen Elementen der herrschenden Schicht des Landes mit dem Tode“ bedroht, für den Fall, daß er seine „Nachforschungen nicht sofort einstelle“. Diese Methoden stellen den Beteiligten kein gutes Zeugnis aus und bestätigen nur noch diesen manchmal unglaubhaft anmutenden Bericht über die wahren Hintergründe sardischer Vendetta.

Cagnetta erwählte sich das rund viereinhalbtausend Einwohner zählende Dorf Orgosolo vor allem deshalb für seine Untersuchungen, weil gerade in dieser steinigen und unfruchtbaren Landschaft Banditenkriege, offene Rebellion gegen die Staatsgewalt, Überfälle, Viehdiebstahl und Mord „der Familienehre wegen“ zur Tagesordnung gehören. Zuletzt erlangte Orgosolo traurige Berühmtheit, als hier 1963 ein englisches Schriftstellerpaar ermordet wurde. Dieser Raubmord kostete allerdings noch sechs weiteren Orgosolesen das Leben, die teils aus Habgier, teils aus Gründen der familiären Reputation niedergeschossen wurden. Aber alle diese Vorfälle, zu denen jahrzehntelange Familienfehden ebenso zählen wie regelrechte Banditenschlachten gegen Polizei und Armee, sind für Cagnetta nur das zwangsläufige Resultat einer gleichermaßen fatalistischen und zu jeder Empörung bereiten Lebensanschauung. Ähnlich wie Danilo Dolci in Sizilien untersucht Cagnetta die Ursachen für die Gesetzlosigkeit auf Sardinien, und wie auf Sizilien findet sich auch hier am Beginn jeder Vendetta, jeder Mordtat, jedes Viehdiebstahls: der Hunger. Dieses Volk, ebenso unwissend wie stolz, gastfreundlich wie mißtrauisch, sieht in der Regierung, im Staat (der durch die Provinzialbehörden und Carabinieri vertreten wird) seinen natürlichen Feind, da nichts unternommen wird, der herrschenden sozialen Misere ein Ende zu bereiten. Und der Staat wiederum mißtraut den Sarden (in diesem Falle Orgosolesen), da sie seinen Anordnungen nicht entsprechen und immer wieder zur Selbsthilfe greifen. Das ist der circulus vitiosus, dessen Opfer die verbannten, eingekerkerten, verarmten und ermordeten Orgosolesen sind.

Cagnetta tritt nicht in der Rolle des Anklägers auf, denn auf beiden Seiten wurden und werden nicht wiedergutzumachende Fehler begangen, sondern er legt statistisches Material vor, erläutert die historischen Voraussetzungen dieser Entwicklung und untersucht mit einiger Akribie auch das psychische Moment, das diesem blutigen Streit zwischen Orgosolesen und Staatsgewalt mit zugrundeliegt. Er hütet sich – manchmal die Objektivität zugunsten seiner anonymen Banditen-Helden übertreibend – vor jeder Spekulation und läßt lieber die Betroffenen selbst berichten. Von ihrer Seite sieht es dann so aus: „In unserem Dorf kommt es wegen der unsauberen, gemeinen und kriminellen Methoden der Polizei immer wieder zu Streit und Unruhen.“ Allerdings muß man auch wissen, daß allein in Orgosolo zwischen 1950 und 1954 siebenundzwanzig Menschen ermordet wurden, während im Laufe des Jahres 1954 zweiundvierzig Orgosolesen deportiert wurden und rund hundert mindestens einmal unter Hausarrest standen. Das alles ergibt eine Rechnung, die nie aufgehen wird.

Cagnettas Buch ist jedenfalls, zusammen mit Levis oder Dolcis Untersuchungen und Erinnerungen, ein Beispiel für jene andere Seite der Italianità, auf welcher der vielgerühmte und vielbereiste Mezzogiorno brutal und bedrohlich erscheint.