Von Marcel

Oft heißt es in der Presse, die beiden alljährlichen Höhepunkt unseres literarischen Lebens seien die Frankfurter Buchmesse und die Tagung der Gruppe 47. Das mag schon richtig sein. Indes suggerieren derartige Feststellungen einen Vergleich, der zu Mißverständnissen führen kann. Denn wir haben es mit Phänomenen zu tun, die einander ergänzen, ohne sich zu ähneln.

Sowohl die Frankfurter Buchmessen als auch die Tagungen der Gruppe 47 sind zunächst einmal Orte der Begegnung und des Gesprächs, des Meinungsaustausches und des Klatsches. Aber in Frankfurt stehen sich vor allem die Verleger, Agenten und Buchhändler gegenüber; die Autoren sind, sofern sie überhaupt in die Messestadt kommen, nur Gäste und Beobachter oder allenfalls Statisten und Werkzeuge der Reklame. Auf den Tagungen der Gruppe hingegen spielt sich alles unter Schriftstellern, Kritikern und Lektoren ab; diesmal sind es die Verleger, die sich, sofern sie überhaupt zugelassen werden, mit der Rolle bescheidener Gäste und stiller Beobachter abfinden müssen.

Schon hieraus gehen die nicht vergleichbaren Gesprächsthemen hervor: Debattiert man in Frankfurt über den festen Ladenpreis, über Auslandsrechte und Lizenzen, über Bestseller und Werbung, so auf den Tagungen über Pathos und Understatement, über stilistische Brüche, schiefe Bilder und falsche Konjunktive. Hier werden Geschäfte gemacht, dort Texte untersucht.

Bei den Messen wie bei den Tagungen handelt es sich, grob gesagt, um eine Art Modenschau. Nur werden unterschiedliche Objekte zu unterschiedlichen Zwecken vorgeführt. Hier sucht das Buch den Käufer, dort das Manuskript das Gutachten der Kenner und Kollegen. Und geht es hier um die unmittelbare Gegenwart, so dort eher um die allernächste Zukunft. Anders ausgedrückt: In den Messehallen kann man sehen, was der Buchhandel in diesem Herbst anzubieten hat. Im Tagungsraum der Gruppe 47 kann man hören oder zumindest ahnen, was ein wesentlicher Teil der deutschsprachigen Literatur uns im nächsten Jahr zu sagen haben wird.

Hier also eine merkantile Veranstaltung von großer Bedeutung für den Absatz der Literatur von heute, dort ein literarisches Ereignis von großer Bedeutung für den Buchhandel von morgen. Aber ist die Trennung tatsächlich so klar, so deutlich? Nein, sie war es auf den Treffen der Gruppe 47 in den letzten Jahren nicht immer.

Als es sich um 1959, dem Erscheinungsjahr der „Blechtrommel“, der „Mutmaßungen“ und einiger anderer wichtiger Titel, erwies, daß die Bücher jüngerer und bisher unbekannter deutscher Schriftsteller höchst erfolgreich sein können, begann der Kampf der Verleger und ihrer Vertrauensleute um die Autoren – auch und vor allem auf den Treffen der Gruppe 47. Arbeitstagung oder Dichtermarkt? Die Frage ließ sich 1960 nicht mehr umgehen.