General de Gaulle ist es gewohnt, gefährlich zu leben. Ungeachtet aller Warnungen will er auf seiner 32 000 Kilometer langen Reise durch Südamerika, die am Montag in Venezuela begann, selbst jene Länder nicht auslassen, in denen die OAS-Rebellen Zuflucht gesucht haben. Attentatsdrohungen schreckten ihn ebensowenig wie die Unbilden der wochenlangen Fahrt: der rasche Wechsel zwischen subtropischem und gemäßigtem Klima, die Höhenunterschiede von mehr als zweitausendfünfhundert Metern, die vielen Reden, Empfänge, Banketts – alles Strapazen, die einem 73jährigen Manne, fünf Monate nach einer schweren Prostata-Operation, erheblich zusetzen.

„De Gaulle will natürlich keinen Selbstmord begehen“, sagte einer seiner Mitarbeiter, „aber sollte er auf dieser Tour den Tod finden, so würde er ihn als uns belle mort betrachten, er würde, wie Präsident Kennedy, als Soldat im Dienste des Vaterlandes fallen.“ Vorsorglich wurden in allen Krankenhäusern entlang der Flugstrecke Blutkonserven für den Präsidenten bereitgelegt. Die Reiseroute führt von Venezuela nach Kolumbien, Ekuador, Peru, Bolivien, Chile, Argentinien, Paraguay, Uruguay und Brasilien.

Wie üblich hat sich de Gaulle durch wochenlanges hartes Aktenstudium auf seinen Staatsbesuch vorbereitet. Wendungen für 50 Ansprachen und Reden, mit spanischen und portugiesischen Sentenzen gewürzt, hat er auswendig gelernt.

Für Unterredungen mit den Regierungschefs der zehn Länder bleibt ihm freilich nur jeweils eine knappe Stunde Zeit. Es kommt ihm auch weniger auf sachlich ergiebige Gespräche an. Er will den Lateinamerikanern vielmehr „ins Gedächtnis zurückrufen, daß es ein Frankreich gibt, und daß die westliche Welt nicht nur aus dem Nachbarn im Norden besteht“.

Der Präsident will sich aber hüten, die USA in seinen Reden herauszufordern. Seine Umgebung versichert, selbst Kennedy habe gegen das französische Angebot, die Last der Entwicklungshilfe in Südamerika tragen zu helfen, nichts einzuwenden gehabt.

Eine Hoffnung, die de Gaulle noch im Frühjahr bei seinem Besuch in Mexiko hegte, hat sich inzwischen zerschlagen: Er kann nicht als Sprecher Europas auftreten. Auf seiner Juli-Pressekonferenz schon klagte er darüber, daß Bonn in Südamerika eigene Wege geht. Bundespräsident Lübke hatte im Frühjahr Peru, Chile, Argentinien und Brasilien besucht, um dort „Sympathien zu mobilisieren“ und noch mehr Wirtschaftshilfe zu versprechen!

Die Hälfte der lateinamerikanischen Importe in die EWG ging schon 1962 in die Bundesrepublik (Wert: 4 Milliarden Mark). Frankreichs Handelsanteil ist dreifach kleiner als der deutsche.

Darum hat de Gaulles Reise für Frankreich eher symbolischen als wirtschaftlichen Wert. Der Jubel der Massen ist ihm gewiß, wenn er auch in Venezuela nicht an den in Mexiko heranreichte. De Gaulle kam der Vorliebe der Südamerikaner für militärisches Gepränge entgegen und erschien in Generalsuniform. Ob er überall auf dem unruhigen, putschgefährdeten Kontinent sein Programm absolvieren kann, ist ein wenig ungewiß. Am Tage seiner Ankunft wurde in Bolivien gerade ein Aufstand niedergeschlagen.