Jedes zweite größere Kraftwerk, das wir ab 1970 in der Bundesrepublik bauen, wird ein Atomkraftwerk sein. Fachleute der Atomforschung. und Kerntechnik stellen diese für den Laien überraschende Prognose. Sie machen sie allerdings von einer sehr wesentlichen Bedingung abhängig: Die Versuche auf diesem Gebiet, die seit einigen Jahren bei uns laufen und die demnächst in der Praxis weitergeführt werden sollen, müssen den Nachweis der Bewährung erbringen.

Die breite Öffentlichkeit, die den Begriff „Atomenergie“ meist noch wie eine Utopie à la Jules Verne aufnimmt, wird in diesen Tagen außerdem eine andere Überraschung erleben. Sie wird zur Kenntnis nehmen können, daß die westdeutsche Forschung und Industrie einen beachtlichen Teil des Vorsprungs, den das Ausland bisher hatte, inzwischen aufgeholt hat. Siemens, AEG und Krupp/BBC sind an bedeutenden Atomprojekten beteiligt.

Drei mittlere Atomkraftwerke sind auf deutschem Boden im Bau. Zwei weitere sind in der Planung fertig, so daß ihre Errichtung beschlossen wurde. Ein sechstes Atomkraftwerk ist projektiert; die Konstruktion auf dem Reißbrett liegt vor. Alle diese Anlagen sollen zwischen 1965/66 und 1969 in Betrieb genommen werden. Mindestens zwei von ihnen werden nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten installiert.

Schon bisher wird die Energieversorgung und Energieproduktion von einem harten Konkurrenzkampf zwischen Steinkohle, Braunkohle und Öl/Gas beherrscht. Ist es nötig, jetzt auch noch die Atomkraft ins Spiel zu bringen? Diese Frage wird je nach Standpunkt und Interessen beantwortet werden. Aber so viel hat sich heute herauskristallisiert: Der ständig zunehmende Energiebedarf kann auf lange Sicht von den bisherigen Ausgangsstoffen nicht mehr allein gedeckt werden, die Atomkraftwerke werden sich in die Reihe der „konventionellen“ Kraftwerke einfügen, ohne die Wirtschaftsstruktur zu erschüttern. Im übrigen kommen Wirtschaft und Technik an der neuen Erfindung nicht vorbei.

Bei solchen Überlegungen wird die Statistik als Beweismittel benutzt. Danach verdoppelt sich der Strombedarf innerhalb von jeweils zehn Jahren. Die Entwicklungsmöglichkeiten sind also groß. Die Anwälte der Atomenergie führen außerdem ein anderes Beispiel an: In der Bundesrepublik werden pro Kopf und Jahr zur Zeit etwa 2000 Kilowattstunden Strom verbraucht, in den USA rund 4000 und in Norwegen, wo fast ausschließlich elektrisch geheizt wird, sogar 8000. Das heißt, die Bundesrepublik hat mit ihrem Stromverbrauch noch lange nicht die höchste Stufe erreicht, sondern wird – der allgemeinen Bewegung folgend – Bedarf und Verbrauch ständig steigern.

Die konventionellen Kraftwerke werden – das ist eine weitere Behauptung der Fachleute – in den überschaubaren kommenden Jahrzehnten keinesfalls vollständig durch Atomkraftwerke verdrängt oder ersetzt werden. Beide Produktionen haben die Chance, nebeneinander zu bestehen. Dafür ist nicht zuletzt ein technisch-wirtschaftlicher Grund ausschlaggebend. Atomkraftwerke sind erst von einer bestimmten Größe an rentabel. Diese liegt heute bei etwa 250 bis 300 Megawatt (250 000 bis 300 000 Kilowatt). Kleinere Werke werden daher in jedem Fall konventionell ausgerüstet bleiben.

Das erste Atomkraftwerk, das mehr ist als eine große Versuchsstation, entsteht in Gundremmingen bei Günzburg. Seine Abkürzung KRB gilt für Kernkraftwerk RWE/Bayernwerk. Mit einer Leistung von 237 Megawatt soll es Ende 1965 fertig werden. Die Baufirmen: AEG mit der Partnerschaft von General Electric und Hochtief. Die Kosten bis zur Inbetriebnahme stellen sich für die Bauherren auf etwa 350 Millionen Mark. Beteiligt an Planung und Finanzierung ist die Europäische Atomgemeinschaft, aber auch staatliche Zuschüsse wurden gewährt.