Unter den Augen des Herrn ruht das Pfarrhaus in guter Hut. Dem Pfarrhaus gegenüber wohnt ein Mörder. Der ist der schönste Mann weit umher, der gesündeste, der stärkste. Der Herr Pfarrer grüßt ihn. Der Mörder hat großen Respekt vor dem Herrn Pfarrer. Der Herr Pfarrer hat großen Respekt vor dem Mörder. Wenn er getötet hat, so hat er aus Liebe den Geliebten seines Weibes getötet. Das verleiht ihm eine Würde, eine zusätzliche Macht. Auch er hat sein flammendes Opfer zelebriert.

Schon als kleiner Junge hatte er im Hof seines Vaters, des Kuttelhändlers, sich über den Blutbach gebeugt, der aus dem Abzugskanal des städtischen Schlachthofs troff. Das war eine Vorbestimmung. Der Herr Pfarrer versteht dieses Verbrechen sehr gut, wenn er es auch, aus mehreren Gründen, selber nicht begangen hätte.

Clodomir trägt den Kopf wie ein König, er spricht wie ein Komödiant, und den Kindern des Viertels, die sein Opfer schreien gehört haben, imponiert er weit mehr als ein Theaterkönig.

Als die unheilschwangere Nacht, welche die ganze Stadt seit Monaten mit Beklommenheit erwartet hatte, sich auftat unter dem leuchtenden Messer des Erzengels der Rache, begab ein jeder sich ans Fenster, um ein Verbrechen geschehen zu sehen, von dem Herrn Pfarrer an, der hinter einem Sommerladen kauerte, bis zu dem Herrn Rittmeister Cornichet, der bleich hinter seinem Fenster stand; und sogar Fräulein Dalby, die Näherin, trat einige Minuten frohlockend auf ihren Balkon hinaus.

Jedermann wußte, daß Sidonie einen Geliebten hatte, daß Clodomir dies wußte, daß er die beiden früher oder später töten würde. Dieser Geliebte hatte das Pech, Unteroffizier zu sein, die Clodomir sämtlich für Hunde hielt. Clodomir, so schien es, hätte vielleicht jedem beliebigen Manne und sogar einem Hund verziehen, daß er der Geliebte seines Weibes war: Er konnte dem Geliebten seines Weibes nicht verzeihen, daß er Unteroffizier war.

Er war ein erstes Mal in seiner Heimat auf Besuch gewesen, aus weiter Ferne, wo er in irgendeinem Kriege als Automobilfahrer benötigt wurde. Er hatte die Gelegenheit wahrgenommen, um seinen Nachbarn ein Schauspiel zu geben: „Wem zu Ehren hat Sidonie weiße Spitzenvorhänge an ihr Fenster gehängt? Wem zu Ehren hat sie zwei durchbrochene Bettücher gekauft? Wer hat ihr eine goldene Uhr, goldene Armbänder und die Ohrringe geschenkt, die ich im Strohsack meines Bettes gefunden habe?“ Das war nur ein Vorspiel. Weinend saß er bei seinen Freunden, dann lief er auf den Marktplatz, sein Unglück mit Stentorstimme vor der versammelten Stadt zu verkünden. Clodomirs Herz, das für Sidonie pochte, brachte mit diesem seinen Pochen bald die ganze Welt in Aufruhr. Man sah ihn erscheinen, den blaßblauen Krieger, in weiße Spitzenvorhänge gehüllt, ein gesticktes und durchbrochenes Laken über der Schulter, die Hände beladen mit den Armbändern und Ringen seines Weibes. Bei jedem Satz kramte er die Uhr, die Ohrringe, allerlei Riechfläschchen hervor, um sie als stumme, unwiderlegliche Zeugen zwischen den ehrbaren Tellern zu verstreuen, neben den dampfenden Suppentopf des Schusters von gegenüber, dann vor den Rechnungsbüchern des Kolonialwarenhändlers an der Ecke.

Eine ganze Nacht lang griff er hinter verschlossenen Türen auf die Folter zurück, um zwei kleine Mädchen von zwölf und zehn Jahren, seine Töchter, mit dem nötigen Nachdruck über den Geliebten ihrer Mutter zu verhören.