Streit um ein Göttinger Bronzerelief

M. O., Göttingen

In Göttingen, seit einigen Wochen jüngste Großstadt der Bundesrepublik, ist man empört. Am Prunkstück der Universitätsstadt, der erst zu Beginn dieses Monats mit der III. Europäischen Rektorenkonferenz glanzvoll eingeweihten Stadthalle, ist ein Schandfleck entdeckt worden. Was vormals Stolz und Augenweide der jungen Großstädter war, hat jetzt einen prominenten Mitbürger zu dem Bekenntnis provoziert, er müsse sich schämen ein Göttinger zu sein: Am vergangenen Sonntag verkündete der Superintendent Achilles seiner verdutzten Gemeinde von der Kanzel der Albanikirche herab, daß sich nicht nur in Filmen wie „Das Schweigen“ und „491“ ein erschreckender Sittenverfall offenbare, sondern die Unmoral auch vor dem Repräsentativbau der Stadt nicht Halt gemacht habe.

Anlaß des Unbills ist ein Bronzerelief des Bildhauers Prof. Jürgen Weber. Es ziert als „Kunst am Bau“ die Seitenfront der neuen Stadthalle – im Göttinger Volksmund „Kachelofen“ genannt – und stellt nach Meinung des Städtischen Museumsleiters Dr. Rabe die „Stadien der Gesellschaftsbildung: Einzelner –Paar – Gruppe – Masse“ dar. Das zweite Stadium der Gesellschaftsbildung traf nun die Achillesferse des Pfarrers: das abgebildete Paar neckt sich im paradiesischen Urzustand. Und auch auf dem Gruppen-Abschnitt des Bildwerks ist ein Paar zu sehen, daß sich auf eine Weise umarmt hält, wie es in der Öffentlichkeit gemeinhin nicht üblich ist.

Diese Öffentlichkeit fühlte sich deshalb sogleich zur Stellungnahme aufgerufen.. Die Belehrung des Museumsleiters, daß es sich hier um „symbolisch gemeinte Figuren“ handele, die zum Zeichen ihrer Allgemeingültigkeit unbekleidet seien, fruchtete nichts. In den Spalten der Göttinger Lokalzeitungen begann man sich zu ereifern. Oscar Wilde und Ludwig Marcuse wurden bemüht, der Soziologe Schelsky mit der „Isolierung der Sexualität auf die Lustkomponente“ zitiert. Die einen vermißten eine „menschlich-warme Gebärde, die zeigt, daß die nackten Gestalten wirkliche Menschen sind“, andere meinten, das Bronzebild verkörpere just jenen großstädtischen Lebensgenuß, den zu pflegen der Göttinger sehnlichster Wunsch sei.

Sogar Spekulationen im Hinblick auf die nahen Kommunalwahlen wurden laut. Die üppige Seitenfront der Stadthalle, so munkelt man, sei bewußt hochgespielt worden, um die verantwortlichen Ratsherren zu diskreditieren. Oberstadtdirektor Biederbeck nutzte einen Vortrag vor dem Fremdenverkehrsverein über das Thema „Die Großstadt Göttingen morgen“ zu der Erklärung, die „einigermaßen freiheitlich-demokratische Stadtverwaltung“ habe seinerzeit einstimmig den Architekten Schell mit der künstlerischen Oberleitung beim Bau der Stadthalle beauftragt und dieses ungeteilte Vertrauensvotum gelte mithin auch für das von Schell vorgeschlagene Kunstwerk Professor Webers.

Ungleich schärfer kommentierte jedoch der Museumsleiter Rabe in einer ebenfalls von der Presse verbreiteten Stellungnahme das Verdikt des Geistlichen Achilles. Er nannte es kurz „das Dümmste, was im nahen Umkreis einer Universität geschehen kann“ und wies darauf hin, daß „Göttingen seinen Nachwuchs nicht aus dem Kiessee bezieht“. Prompt geriet diese streitbare Äußerung in den Mittelpunkt der Diskussion. Da Rabe gleichzeitig die geringe Zahl der Museumsbesucher beklagt hatte, empfahl man ihm, doch das inkriminierende Bronzewerk seinem Museum einzuverleiben.

Vorläufiges Ergebnis von Kanzeldonner und Bürgerzorn ist ein ständiger Pilgerstrom von jung und alt zur Stadthalle, wo man sich das unauffällig angebrachte Relief mit den Stadien der Gesellschaftsbildung einmal näher betrachten will. Vielleicht stellt sich bei den zahlreichen Interessenten ein, was sich nach dem Zeugnis von Oberstadtdirektor Biederbeck der Architekt Schell von dem Bronzekunststück erhoffte: „Ein gutes Maß Bereicherung an schlichter Lebensfreude“.