Aus der Tatsache, daß zur Feier der fünfzigsten Wiederkehr des Meissnertreffens von 1913 zwei Theologen erscheinen sollten – Altbischof Stählin und Professor Gollwitzer – schloß Gustav Wyneken, „hier werde statt einer Feier freier Jugend gezähmtes Wandergeflügel unter Assistenz der Kirchen für den nächsten Heldentod abgerichtet“. Er täuschte sich: Helmut Gollwitzer forderte in seiner Festrede die Jugend auf, „sich nicht aufs neue den Torheiten der älteren Generation zum Opfer bringen zu lassen“.

Den tieferen Grund des Fernbleibens Wynekens zeigt sein kürzlich erschienenes Buch auf –

Gustav Wyneken: „Abschied vom Christentum“; Szczesny Verlag, München; 260 S., 16,80 DM.

Die Persönlichkeit Gustav Wynekens, das Ärgernis, daß er nicht in das über die Autoren des Szczesny Verlages verbreitete Klischee der „Linksintellektuellen“ paßt, schließlich sein Wirken als Pädagoge dürften dem Buch die gebührende Aufmerksamkeit sichern.

Als ehemals protestantischer Theologe zieht Wyneken mit 88 Jahren die Bilanz seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Christentum und kommt zu dem Schluß: „Es duldet keinen Zweifel mehr: die Stunde des Christentums ist abgelaufen.“

Die Achse seiner Beweisführung besteht aus folgenden Gedanken: Durch die Reformation sei die Bibel, „das Wort“, zur für den Gläubigen primär verbindlichen Wahrheit geworden. Durch die Forschungsergebnisse der neueren Bibelkritik habe sich diese vermeintlich objektive Wahrheit aufgelöst, geblieben sei die weder göttliche noch historische, sondern „literarische“ Gestalt Jesu. Die einstmals als göttliche Offenbarung angesehene Bibel sei als literarisches Dokument zweifelhafter Zuverlässgkeit durchschaut. Die katholische Kirche befinde sich in einer günstigeren Lage, da sie nie in gleichem Maße auf die Bibel gesetzt habe, sondern auf sich selbst, auf ihre Dogmen und Tradition.

Die Folgerung daraus: „Der Protestantismus freilich ist in unaufhaltsamer Auflösung begriffen. Seine reuigen Reste wird die katholische Kirche sich wieder einverleiben, und anscheinend warten manche Protestanten mit Ungeduld darauf. Der Protestantismus stirbt an der ‚Heiligen Schrift‘, auf die der mittelalterliche Luther ihn nun einmal festgenagelt hat.“