Von Peter R. Hofstätter

In dem fingierten Zwiegespräch, das „die Frage der Laienanalyse“ (1926) behandelte, findet sich folgende Überlegung: „Unsere Kultur übt einen fast unerträglichen Druck auf uns aus, sie verlangt nach einem Korrektiv. Ist es zu phantastisch zu erwarten, daß die Psychoanalyse trotz ihrer Schwierigkeiten zur Leistung berufen sein könnte, die Menschen für ein solches Korrektiv vorzubereiten? Vielleicht kommt noch einmal ein Amerikaner auf den Einfall, es sich ein Stück Geld kosten zu lassen, um die social workers seines Landes analytisch zu schulen und eine Hilfstruppe zur Bekämpfung der kulturellen Neurosen aus ihnen zu machen.“

Der imaginäre Partner erwidert darauf etwas spöttisch, aber mit feinem Doppelsinn: „Aha, eine neue Art Heilsarmee.“ Freud aber akzeptiert selbst diese Möglichkeit: „Warum nicht, unsere Phantasie arbeitet ja immer nach Mustern. Der Strom von Lernbegierigen, der dann nach Europa fluten wird, wird an Wien vorbeigehen müssen, denn hier mag die analytische Entwicklung einen frühzeitigen Verbottrauma erlegen sein.“

Die letzte Bemerkung erinnert an das harte Urteil, das der Autor in dem Aufsatz „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“ (1914) gefällt hatte: „Die Stadt Wien hat alles, was in ihrer Macht lag, getan, um keinen Anteil an der Entwicklung der Psychoanalyse zu nehmen Ich möchte auf Freuds – wie mir scheint – durchaus ambivalentes Verhältnis zu Wien nicht näher eingehen, denn ich vermute, daß er sich eben darin als „echter Wiener“ erwies. Im gleichen Jahr konnte er doch an Karl Abraham (26. Juli 1914) schreiben: „Meine ganze Libido gilt Österreich-Ungarn.“

Interessanter ist die „neue Art von Heilsarmee“ als Hilfstruppe zur Bekämpfung der kulturellen Neurosen. Daß Freud die militärische Metapher recht eigentlich meinte, kann heute als sicher gelten; nicht von ungefähr sprach er ja immer wieder von einer „psychoanalytischen Bewegung“, der er durch die Einsetzung eines „geheimen Rates“ (1912) ein mit absoluten Vollmachten ausgestattetes und in magischer Weise – durch „die sieben Ringe“ – verbundenes Führerkorps zu geben bestrebt war und deren Kongreß in Nürnberg (1910) er in einem Brief an Ferenczi sogar mit dem Pathos eines „Reichstages“ ausstattete. Jones gegenüber bezeichnete er um die gleiche Zeit (1911) das Gebiet der Neurosen als das „Mutterland“, wo man seine Herrschaft zuerst gegen alle und alles festigen müsse. Wie ein seltsamer, zur Deutung herausfordernder Traum erscheint uns diese „Heilsarmee“ unter dem Kommando Freuds, welche die Herrschaft im Mutterlande aufrecht erhält, dem offenbar der Vater fehlt. Bedenken wir, daß dies immerhin die Sprache eines Mannes ist, der seinen fünfzigsten Geburtstag (1906) schon hinter sich hatte.

Es ging Freud bei alldem um „das psychologische Elend der Massen“, das am ehesten dort drohe, „wo die gesellschaftliche Bindung hauptsächlich durch Identifizierung der Teilnehmer miteinander hergestellt wird, während Führerindividualitäten nicht zu jener Bedeutung kommen, die ihnen bei der Massenbildung zufallen sollte. Der gegenwärtige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute Gelegenheit, diesen befürchteten Kulturschaden zu studieren“ („Das Unbehagen in der Kultur“, 1930).

Noch deutlicher wurde er in dem berühmte! Briefwechsel mit Albert Einstein („Warum Krieg?“, 1933): „Es ist ein Stück der angeborenen und nicht zu beseitigenden Ungleichheit der Menschen, daß sie in Führer und Abhängige zerfallen. Die letzteren sind die übergroße Mehrheit, sie bedürfen einer Autorität, welche für sie Entscheidungen fällt, denen sie sich meist bedingungslos unterwerfen. Hier wäre anzuknüpfen, man müßte mehr Sorge als bisher aufwenden, um eine Oberschicht selbständig denkender, der Einschüchterung unzugänglicher, nach Wahrheit ringender Menschen zu erziehen, denen die Lenkung der unselbständigen Massen zufallen würde... Der ideale Zustand wäre natürlich eine Gemeinschaft von Menschen, die ihr Triebleben der Diktatur der Vernunft unterworfen haben.“ Nach einem Bericht des italienischen Analytikers Edoardo Weiss, den Jones wiedergibt, trug ein Exemplar dieses Werkes eine eigenhändige Widmung an Mussolini: „Von einem alten Mann, der im Duce den Helden der Kultur grüßt.“ So geschehen Anno 1933.