Großbürgerliche Eleganz und proletarische Aktivität Im Volk oft unbekannt, im Ausland achtungsvoll bewundert

Von Allegra Branson

Als Nina Petrowna Chruschtschow, die zweite Frau des sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow, 1959 zum erstenmal auf einigen öffentlichen Veranstaltungen an der Seite ihres Mannes erschien, begann im Ostblock eine kleine Revolution. Sie ist heute noch längst nicht abgeschlossen. Außer Nina Chruschtschowa und Lotte Ulbricht stehen, die meisten „First Ladys“ der kommunistischen Machthaber noch immer im Schatten. Manche von ihnen sind den Untertanen ihrer Männer kaum bekannt.

Das runde freundliche Gesicht Nina Chruschtschowas und ihr graues Haar mit der Knotenfrisur ist spätestens seit dem Wiener Zusammentreffen ihres Mannes mit Präsident Kennedy und Jacqueline im Jahre 1961 auch der westlichen Welt bekannt. Ninas mütterliche Figur war ein Kontrast zur Eleganz ihrer amerikanischen „Kollegin“, und dieser Kontrast gab, ganz wider Erwarten, auch zu positiven Kommentaren Anlaß.

Die östliche First-Lady-Revolution hat ihren Anfang in Moskau genommen. Es überrascht deshalb ein bißchen, daß außer Lotte Ulbricht ausgerechnet die Frauen der beiden treu stalinistischen Führer Albaniens als erste eine ähnliche Rolle spielten, und dies in einem traditionell mohammedanisch beeinflußten und rückständigen Lande.

Nedschije Hodscha, die Frau des Ersten Sekretärs der Albanischen Kommunistischen Partei, ist, was man eine „eigenständige Persönlichkeit“ nennt. Ihre Verdienste um die Partei sind allgemein bekannt; es gibt niemanden, der sie bezweifelte. Von der geheimen Gründung der albanischen KP im Jahre 1941 an gehörte Nedschije zur Crème der Partei. Bis 1952 wirkte sie fleißig und unübersehbar in staatlichen Jugendorganisationen mit. Im Kriege schien die Kommunistin den italienischen Besatzungstruppen so gefährlich zu sein, daß sie sie in Abwesenheit zum Tode verurteilten.

1945 hatte Nedschije, die heute 43 Jahre alt ist, den kommenden starken Mann Enver Hodscha geheiratet. Aber das hinderte sie nicht daran, aktiv wie zuvor in Partei-, Regierungs- und Frauenangelegenheiten zu arbeiten. Verständlich, daß daran herumgerätselt wird, wie weit sie möglicherweise gar den politischen Kurs des Landes mitbestimmt. Im Zentralkomitee der albanischen KP sitzt das Ehepaar Hodscha Seite an Seite, und in der Regierung leitet die Erste Dame das Ressort Agitation und Propaganda. Wenn Nedschije Hodschas Zeitungen und Rundfunksendungen die albanischen Verhältnisse von der Sonnenseite darstellen, so hindert das die First Lady Albaniens doch wiederum nicht, sich über die albanische Botschaft in Rom teure westliche Kleider, Kostüme und Miederwaren kommen zu lassen.