Berlin

Während man sich in diesen Tagen in Berlin mit afro-amerikanischer Folklore und Rhythmik beschäftigt, einem Thema, das dem an Abtrennung und Teilung leidenden Gemeinwesen zwar nicht auf den Nägeln brennt, das aber, so hört man, in höherem Sinn seine Berechtigung hätte – während also auf den Bühnen schwarze Messen zelebriert werden, kriecht der Lützowplatz zusehends aus seiner sandigen Haut: Er wird repräsentativ, er zeigt ein glattes Stadtplanergesicht. Das „Hotel Berlin“ steht auch da und prunkt neubürgerlich vor sich hin. Seine Gäste lieben einen häuslich-gemüthaften Hotelleriestil.

Der neunundzwanziger Bus zieht die Kurve um die Ecke Kurfürstenstraße und lädt Schaulustige vorm Domizil ab. Beim Bezahlen weist mich der Taxifahrer darauf hin, daß die hochbunten Verkehrsschilder, die unmotiviert an der Hauswand von Lützowplatz Nr. 9 lehnen, alle auf Ulk gearbeitet sind, von einem Maler – und was der sich dabei gedacht hätte. Na also, schön. Zwo Mark siebzig.

Was dort passiert, befremdet schlichte Herzen auf Anhieb. Nennen wir es die Geburtsstunde des Gags aus dem Geiste der Jecken. Wer aber hat noch ein solches Herz, besser, wer gibt’s zu? Keiner jedenfalls so leicht von den Besuchern vor den gezeichneten und gedruckten Offenbarungen des Jeckentums. Die Gesichter sind nur der Kunst aufgeschlossen, zeigen keine profane Regung, nicht den amüsierten Blitz der Erkenntnis über Boscs Leichenzüge, die ein Verkehrschaos formieren, oder über die Komik des Bewachers am Nudistenstrand, der vorm Gemächt – Gemächt(e): das Gemachte, Kunst- oder Handarbeit, Machwerk. (Brockhaus) – ein eisernes Kreuz trägt. Gefaßt, kühl, sachlich ist der aufnehmende Blick der Galeriebesucher.

Da steht ein junger Herr mit beatlenaher, doch fein geordneter Haarmähne, randloser Brille, in schwarzem Sammetanzug, Regenschirm überm Arm. Er ist Abgesandter der Werbezentrale für totale Kunst, Sitz Hannover, und hat gerade eine Ladung von 24 Gullydeckeln über die Straßen der DDR in die Hauptstadt begleitet. Er und alle anderen Spaßzwischenmeister. Juxbereite werden vom Chef in den Betrieb eingewirkt, von Konrad Hammer vulgo Jule, der unter dem Deckmantel eines Parteifunktionärs die Schau betreibt, ein Scherzparteifunktionär, lockigen Barockengelkopf mit Schalksknechtzügen auf den runden Schultern.

Ob wir ihn trotz drängender Termine in ein Frage-und-Antwort-Spiel verwickeln dürften? Aber der Mann ist von solch gelaßner Trockenheit; solanege „noch Fragen offenstehen“, gibt er Bescheid. Er läßt sich nicht in Verlegenheit bringen wie Maler Winfried Gaul, der sich in der Fragestunde vom Club der Berlinerinnen derart in die Seile drängen ließ: Auf die Frage, was er sich beim Verkehrsschildermalen eigentlich gedacht hätte, wußte er nur zu antworten, sich was gedacht hätte.

Nein, Hammer ist anders, und während die Herren Topor und Spoerri ihn von weitem fragenschwanger umzirkeln, hocken wir uns auf die Zentralheizung, den Lützowplatz vor der Fensterscheibe. Wo denn die Gullydeckel dem Publikum zur Anschauung gebracht werden sollen? Drüben, an der roten Ziegelmauer, die zur Umwälzanlage der Stadtentwässerung gehört. Der Lützowplatz spielt im Gagfestival mit, die Schilderschau befindet sich auch unter freiem Himmel. Im übrigen werden die Hunderte von Cartoons der rund 30 französischen, amerikanischen (wenigen deutschen) Künstler in drei Stockwerken hängen, von den „panischen Zeichnungen“ über die „plakativen Provokationen“ bis zur Schule des Gags (Bosc). Es ist die erst: umfangreiche Sammlung dieser Art, was Daniel Kehl, Leiter des „Diogenes“-Verlags und Herausgeber des ersten „who is who?“ der Karikaturisten, bestätigen mußte.