Ich werde Gott danken, wenn der letzte Bergmann mit der scheußlichen Arbeit aufhören kann.“ Mit diesem Stoßseufzer verteidigte ein prominenter amerikanischer Gewerkschafter seine Politik, die auf eine Einschränkung der Arbeit unter Tage hinzielte. Die deutsche Industriegewerkschaft Bergbau und Energie hat sich in der vergangenen Woche in Wiesbaden zu dem entgegengesetzten Weg entschlossen. Sie möchte durch spektakuläre Lohnerhöhungen möglichst viele Arbeiter in die Zechen locken.

Nach dem Gewerkschaftskongreß in Wiesbaden kann man in Abwandlung eines viel strapazierten Werbespruches sagen: die nächste Krise an der Ruhr kommt bestimmt. Die IG Bergbau, wie die Manager der Ruhrgesellschaften von den wieder wachsenden Kohlenhalden alarmiert, sparten nicht mit massiven Vorwürfen gegen die Bundesregierung. Dabei hatte es zunächst sehr erfreulich angefangen. Die Gewerkschaft rückte von dem Dogma ab, daß der Bergbau sozialisiert werden müsse (wodurch sollte auch der Absatz „sozialisierter Kohle“ steigen?). Und Gewerkschaftsfunktionäre, die sonst immer vor „Monopolen und Konzernen“ warnen, plädierten für die wünschenswerte Konzentration im Bergbau, gegen die „Schrebergarten-Wirtschaft“ an der Ruhr. Aber dann donnerte Vorstandsmitglied Heinz Kegel: „Wir dürfen den deutschen Kohlenbergbau nicht dem Expansionsstreben der internationalen Mineralölkonzerne opfern.“

Das klingt dramatisch. Und wenn ein solcher Aufruf noch durch das Argument gestützt wird, wir müßten uns für „Notzeiten“ die einheimische Energiequelle sichern, so kann Kegel des Beifalls weiter Kreise sicher sein. Daß der Bergbau keineswegs nur die Konkurrenz des „internationalen“ Öls fürchtet, sondern ebensosehr die des durchaus „nationalen“ Erdgases und der aufkommenden Atomenergie – nun, das verschweigt man eben. Und man verschweigt auch, daß der Staat – präziser gesagt: Verbraucher und Steuerzahler – von der Sondersteuer für Heizöl bis zu den Zuschüssen zur Knappschaftsversicherung Milliardenbeträge zur Stützung des Bergbaus aufbringt.

Die IG-Bergbau möchte Löhne durchsetzen, die im Schnitt um 10 bis 12 Prozent höher liegen als heute. Die Tatsache, daß dann die Kohle noch teurer wird und folglich noch schlechter abgesetzt werden kann, focht die Tarifexperten der Gewerkschaft wenig an. Auf die wirtschaftliche Lage der Unternehmen, so wurde in Wiesbaden erklärt, könne man keine Rücksicht nehmen.

Sollen wir aus unserer Wirtschaft, der an allen Ecken und Enden Menschen fehlen, durch Zahlung von Spitzenlöhnen Arbeitskräfte ausgerechnet in eine Branche locken, die seit Jahren beständig über Absatzschwierigkeiten klagt? Fast acht Millionen Tonnen Kohle liegen schon wieder auf den Halden – und da sorgt sich die IG-Bergbau, weil sie nicht noch mehr Arbeiter findet, die noch mehr Kohlen fördern? Oder sorgt sie sich am Ende nur, weil jeder neue Bergarbeiter vielleicht ein zahlendes Mitglied mehr bedeutet? (Siehe auch Seite 38)

Diether Stolze