Im religiösen Leben hatten die Neger beides gefunden: einen Lebensinhalt und zugleich die Möglichkeit, der feindlichen Welt zu entfliehen“, schreibt Louis E. Lomax, ein farbiger Journalist, der aus einer Familie baptistischer Prediger stammt. „In ihren religiösen Gesängen, den ‚Spirituals‘, drückte sich das Verlangen aus, die Würde der von den Anfeindungen dieser Welt niedergedrückten Seele in der Klage vor Gott wiederherzustellen: Nobody knows the trouble I have seen but Jesus – niemand weiß um das Elend, das ich erlebt habe, nur Jesus, oder: Go down, Moses, way down in Egypt land, teil old Pharaoh to let my people go – geh, Moses, ins Land der Ägypter, sage dem alten Pharao, daß er mein Volk ziehen lassen soll. Und wenn es auch wenigen wirklich bewußt war – Pharao hatte in ihrer Vorstellung die Gestalt eines weißen Herrn aus dem amerikanischen Süden angenommen.“

Auch heute ist die Klage vor Gott noch nicht verstummt, vor allem nicht unter den Negern des Südens, aber mehr und mehr ist sie der Klage vor den weltlichen Gerichten gewichen. Der Lockruf lautet nicht mehr: „Steal away, steal away to Jesus – stiehl dich fort, stiehl dich fort zu Jesus.“ Die Forderung heißt: „Freedom – here and now – Freiheit hier und jetzt.“ Aus dem klagenden Dulden ist die fordernde Anklage geworden. Nicht nur religiösen Trost, sondern politische Gerechtigkeit wollen die Neger. Aus dem spontanen Protest, der von den religiösen Führern aufgenommen wurde – wie im Busboykott von Montgomery – hat sich eine politische Massenbewegung entwickelt, die mit vorausschauender Planung arbeitet. Eine besondere Rolle in dieser Bewegung spielen die Studenten. Sie haben zwei besondere Kampfmethoden entwickelt, um der Rassentrennung zu Leibe zu gehen: die sit-ins und die freedom rides.

Die sit-in-Methode wurde zum erstenmal am 1. Februar 1960 praktiziert. Vier Studenten eines Negercollege in Greenboro, North-Carolina, marschierten in ein Woolworth-Warenhaus und setzten sich ins Schnellrestaurant, das bisher den Weißen vorbehalten war. Sie sollten sichfortscheren, wurde ihnen gesagt. Sie weigerten sich. Daraufhin stellte das Restaurant den Betrieb ein, die Studenten holten ihre Bücher heraus und begannen zu lesen. Ein unerhörtes Ereignis! Die lokale Rundfunkstation unterbrach ihr Programm und verbreitete die Nachricht. Dutzende von anderen Studenten tauchten plötzlich in der Stadt auf, und auch die weiße Opposition sammelte ihre Bataillone.

Nach dem Busboykott im Jahr 1955 begann die zweite Massenaktion der Neger. Die Bürgerrechtsorganisationen unterstützten die Studenten, vor allem CORE (Congress of Racial Equality), bis dahin eine kleine, unbedeutende Gruppe, die wegen ihrer kämpferischen, aggressiven Haltung von den älteren und größeren Organisationen etwas über die Schulter angesehen wurde. CORE richtete regelrechte Trainingslager ein. Die Studenten wurden an Tische gesetzt. Ein CORE-Mitglied spielte die Rolle des überheblichen Weißen. Er ging am Tisch entlang, blies den Studenten Rauch ins Gesicht, nmnte sie „Nigger“, „schwarze Bastarde“. Wenn die Studenten immer noch nicht darauf reagierten, begann er sie von ihren Plätzen zu drängeln, und wenn das nichts half, schlug er auf sie ein. Wer sich zu einer zornigen Reaktion hinreißen ließ, hatte die Probe nicht bestanden. Nur wer alles hinnahm, ohne mit der Wimper zu zucken, durfte an den sit-ins teilnehmen.

Die Demonstrationen machten Schule. Trotzdem wäre der Erfolg nur gering gewesen, wenn die übrige farbige Bevölkerung die Studenten nicht durch einen wirtschaftlichen Boykott unterstützt hätte. In dem Maße, wie der Vercienst zurückging, schrumpfte bei den weißen Geschäftsleuten auch der Glaube an die Notwendigkeit einer Rassentrennung. Nashville in Tennessee ist ein gutes Beispiel dafür. Auch hier hatten Negerstudenten versucht, sich in den Schnellrestaurants der Warenhäuser ihre Mahlzeiten zu „ersitzen“. Über hundert waren verhaftet worden, viele hatte man verprügelt. Die Negerführer in Nashville beschlossen einen wirtschaftlichen Boykott der Firmen, in denen Farbige nicht bedient wurden. Weiße Bürger, die mit den Negern sympathisierten, änderten stillschweigend ebenfalls ihre Kaufgewohnheiten. Nach zwei Monaten hüten die Geschäftsleute aus der Lektüre ihrer Bilanz die Einsicht gewonnen, daß es für alle das beste sei, die Rassentrennung in den Schnellrestaurants aufzugeben.

Die freedom-rides – die Freiheitsfahrten – sind eine Erfindung von James Farmer, dem Chef von CORE. Farmer, ein ehemaliger Methodistengeistlicher, ist immer ein Mann der Aktion gewesen. Er hat aus bitterer Erfahrung gelernt, daß die schönsten Gerichtsentscheidungen – und davon hat es viele gegeben – nichts nützen, solange die Ortsgewaltigen, seien es Gouverneure, Stadträte oder Polizeidirektoren, den Spruch der Juristen einfach ignorieren. Durch Gesetz war dekretiert worden, daß die Rassentrennung an Busstationen im Überlandverkehr unzulässig sei. Das Urteil stand freilich nur auf dem Papier. Im Süden kümmerte sich praktisch niemand darum. James Farmer beschloß, dem Gesetz nachzuhelfen. Anfang Mai begann eine Gruppe von sechs Weißen und sieben Negern ihre Fahrt in den Süden. Das Protokoll dieser Fahrt liest sich folgendermaßen:

7. Mai, Danville, Virginia. Die Auseinandersetzung über die Bedienung im Restaurant wird gütlich beigelegt.