on Ernst Stein

An der Wesensbestimmung des Humors ist noch jede Ästhetik zuschanden geworden, denn es gibt kein System, dessen Regeln sich nur aus den Ausnahmen ableiten lassen. Es wäre wie ein Eisenbahnfahrplan, in dem die Entgleisungen und Zusammenstöße vorgesehen sind. So ist bei allen Analysen selten mehr herausgekommen als ein vertrocknetes Herbar, in dem etwa Laurence Sterne in dieselbe Gattung gepreßt wird wie Wilhelm Busch.

Ebensowenig hat jemals eine Theorie des Komischen ihm zum gleichen literarischen Ansehen verhelfen wie dem Erschütternden. Auch Jean Paul ist es nicht gelungen, weil der Nutzanwendung seiner ästhetischen Lehre sein eigenes verehrungswürdiges, aber anfechtbares Beispiel im Wege stand.

Die Unterschätzung hat sich der Humor selbst zuzuschreiben. Denn vom Fahrenden Volk bis zu den Fliegenden Blättern, von dem Goliarden, der für ein Nachtquartier im Kloster auf Lateinisch den Bacchus und die Venus besang, bis zum Witzblattreimer, der in Heine-Strophen über das Damenkorsett spöttelte, war der Humor viel früher und weit allgemeiner als jede andere poetische Mitteilung kommerzialisiert. Keine sonst verfügte über so regelmäßige und wohlfeile Verbreitungsmittel, sei es der Bänkelsänger und die Bretterbude, sei es der Punch oder der Simplizissimus, und selbst die angesehensten Illustrierten brauchten eine „Humor-Ecke“.

Die beiden frühesten Massenmedien, das Lied und der Witz, haben dies gemeinsam, daß sie vom Ursprung her das Volk im Wappen führen, aber so wie ein einzelner, und ein großer Dichter dazu, das sogenannte Volkslied vom Schnitter Tod erdacht hat, so muß auch beim Volkswitz jedesmal einer der erste gewesen sein, der – sprachschöpferisch – von Schusters Rappen redete oder das Kraftwort gebrauchte, das wir ein Goethe-Zitat nennen.

Das Brandmal des Vulgären und der Roheit ist der Humor niemals völlig losgeworden, und heute feiern sie auf der Bühne und im Roman unfröhliche Urständ, wenngleich unter erleseneren Namen. Was dem Humor, der das Gegenteil der Narrenfreiheit ist, erst seine Würde verleiht, ist der menschliche und der künstlerische Takt. Aber schließlich gilt das nicht nur für den Humor.

Takt war nie die starke Seite des Humoristen, und in der Entwicklung des Komischen etwa von Hans Sachs bis Wilhelm Busch ist zuviel schofle Unterhaltungsware auf den Markt gekommen, auf den Jahrmarkt, könnte man fast sagen, denn dort ist eine Geburtsstätte des Humors – er hat sieben, wie Homer –, und dort entsprang auch eine der Quellen der unfreiwilligen Komik.