Von J. Heydecker

Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle hat zu Beginn dieser Woche eine fast vierwöchige Südamerika-Reise angetreten, die ihn in 10 Länder führen wird. Die Stationen seiner Reise sind Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Chile, Argentinien, Paraguay, Uruguay und Brasilien. Am 16. Oktober wird er von Rio de Janeiro die Rückreise antreten. Unterrichtete Kreise erwarten, daß de Gaulle versuchen wird, die traditionelle Aversion der Südamerikaner gegen den großen Bruder im Norden für seine Vorstellungen von einer dritten Kraft auszunutzen. J.

Wenn sich de Gaulle zu einem Besuch Lateinamerikas entschlossen hat, ist er von seinen diplomatischen Beobachtern gewiß nicht falsch beraten worden. Zwar ist man von Mexiko City bis Buenos Aires an illustre Blitzreisende aus den Vereinigten Staaten und aus Europa gewöhnt, seit der iberische Subkontinent im Gleichgewicht der Welt eine Rolle zu spielen begonnen hat, aber von dem Politiker de Gaulle erwartet man mehr als von nörgelnden nordamerikanischen Wirtschaftsexperten oder von einem Nur-Repräsentanten wie Lübke. Von de Gaulle erwartet man Delikatessen.

De Gaulles Politik wird in Lateinamerika mit Wohlgefallen betrachtet, weil sie sich offensichtlich gegen die Mächte richtet, die in Südamerika als „Hauptfeinde“ gelten: gegen die Vereinigten Staaten und gegen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Die EWG wird meist als eine Abkapselung betrachtet, die nach Autarkie strebt und tropische Güter nur noch „aus ihrer Kolonie Afrika“ beziehen möchte, womit Lateinamerika seinen besten Absatzmarkt verlieren würde. Die USA stehen immer in dem Verdacht, alle Hilfe mit ausbeuterischen Hintergedanken zu gewähren und politisch nur freundlich zu sein, weil ihnen die Weltlage im Augenblick barsches Kommandieren verbiete.

De Gaulle nun hat nach südamerikanischer Auffassung verhindert, daß die EWG durch die Einbeziehung Großbritanniens eine Macht geworden wäre, die gegen die schwächeren Länder eine Wirtschaftsdiktatur ausüben könnte, und er hat den Nordamerikanern gezeigt, daß man auch anderer Meinung sein kann – und darf.

Lateinamerika fühlt sich mit der französischen Politik verbunden. Die Gründe sind, wie bei de Gaulle, irrational. Aber in Mittel- und Südamerika hat man inzwischen gelernt, den Wert der Bewerber auch nüchtern abzuschätzen. Die Frage lautet daher: was hat de Gaulle, dieser sympathische Prellbock gegen USA und EWG, sonst noch zu bieten?

Frankreich, selbst ein EWG-Land, genießt in der Welt nicht den Ruf eines reichen Onkels wie die Vereinigten Staaten oder die Bundesrepublik. Daß man im Bedarfsfalle widerspenstig sein kann, wissen die Lateinamerikaner auch ohne de Gaulle. Der General kann sich aber als Wahrer und Verfechter ihrer Interessen in der schrecklichen EWG geben, und er kann selbst mit bescheidenen wirtschaftlichen und politischen Konzessionen den Eindruck verbreiten, Lateinamerikas ärgerliche Abhängigkeit vom großen Bruder im Norden habe sich etwas gelockert.